Hat zahlreiche Bücher in der WILA herausgebracht: der Grazer Dichter Julius Franz Schütz (1889-1961), portraitiert v. Alwine Hotter. - © Neue Galerie Graz/Universalmuseum Joanneum/ UMJ/Lackner
Hat zahlreiche Bücher in der WILA herausgebracht: der Grazer Dichter Julius Franz Schütz (1889-1961), portraitiert v. Alwine Hotter. - © Neue Galerie Graz/Universalmuseum Joanneum/ UMJ/Lackner

Das viel zitierte "unverlangte Manuskript" gehört zum Alltag aller Verlage und Redaktionen, heute wie vor hundert Jahren. Weniger alltäglich ist sein Gegenstück: die unerwartete Verlagsanfrage. Eine solche Anfrage erreichte im Frühjahr 1919 den Grazer Dichter Julius Franz Schütz. Dreißig Jahre alt, Doktor der Rechte und Student vieler Wissenschaften, Lyriker und Prosaist, Beiträger zahlreicher Blätter, galt er damals in seiner Heimat als junger Wilder, als der Modernste von den Modernen - was ihn aber nicht daran hinderte, die solide bürgerliche Laufbahn eines Bibliothekars zu ergreifen.

Schütz stand kurz davor, in die Dienste der Steiermärkischen Landesbibliothek einzutreten, da flatterte ihm aus Wien ein Schreiben mit dem Briefkopf einer offiziell noch gar nicht bestehenden Firma namens "Wiener literarische Anstalt", kurz "Wila", ins Haus:

"Sehr geehrter Herr! Die ,Wiener literarische Anstalt’ ist ein auf sicherer materieller Grundlage aufgebauter Verlag, dessen Ziel es ist, der schönen Literatur in Deutschösterreich im weitesten Umfange eine Stätte zu bereiten. Der Verlag richtet sein Augenmerk in erster Linie auf die Werdenden, die der verlegerischen Führung in der Heimat und von der Heimat aus bedürfen, während sie bisher ausschliesslich auf die grossen reichsdeutschen Verlage angewiesen waren, in deren Fülle sie häufig genug nicht in der ihrem Können entsprechenden Weise gefördert werden konnten. Falls Sie, sehr geehrter Herr, durch Verträge nicht anderweitig gebunden sein sollten, wäre uns eine Anknüpfung mit Ihnen sehr erwünscht. Unser Interesse erstreckt sich, wie schon oben angedeutet, auf die schöne Literatur in ihrem ganzen Umfange: Romane, Novellen, Gedichte (auch ausgesprochene Lyrik) und Dramen. Es würde uns freuen, von Ihnen recht bald einen Bescheid zu erhalten, damit wir Sie eventuell in dem Verlagsprogramm für das laufende Jahr noch unterbringen können. Hochachtungsvoll: WILA" (gezeichnet Bock).

Autorenportrait von Schütz im WILA-Almanach 1921
Autorenportrait von Schütz im WILA-Almanach 1921

Postwendend bietet Schütz dem neuen Verlag zwei Manuskripte an: eine Sammlung von sechsundsechzig - wie er ausdrücklich betont - "expressionistischen Gedichten" unter dem Titel "Die Kreise vom ewigen Leben" und eine noch in Arbeit befindliche längere Prosa, die sich "Das Buch vom Ruhen in Gott" nennen soll. Rasch wird man sich einig: Der Gedichtband erscheint noch im Herbst jenes Jahres, in der ersten Tranche der anlaufenden Verlagsproduktion.