Frau Stremitzer von Türnummer 14 hat vorhin erzählt, dass sie beim Billa drei Häuser weiter sechs Eier, bio natürlich, gekauft hat, und wie sie zwei davon in die Pfanne schlagen wollte, waren sie bereits gekocht. "Weu s so haaß is, dass de Eia hoat wean, nua, waun ma s de boa Schridd z Haus drogd", meinte Frau Stremitzer, und wer meint, sie habe wohl versehentlich die harten Eier gekauft, hat nichts von der Hitze verstanden und gar nichts vom Schmäh. Die Luft flimmert über dem Asphalt, die Menschen fühlen sich wie Fliegen unter dem Pracker, Getränkeerzeuger jubeln, Klimaanlagen reichen wegen Hitzeferien ein, und aus dem Hochstrahlbrunnen kommt nur Wasserdampf - was möglicherweise, da ebenfalls von Frau Stremitzer berichtet, nicht in allen Details der Realität entsprechen könnte.

Jedenfalls ist es die rechte Temperatur, um sich unter die Dusche zu stellen, etwas Kühles zu trinken (aber nicht zu kühl, sonst erzeugt der Körper Wärme, und das wäre völlig kontraproduktiv) und vielleicht auch literarische Abkühlung zu suchen: Coole Literatur, die an kühlen Orten spielt, ist das Richtige für die heißen Tage.

Wie reihen? Alphabetisch? Nach Genre? Unsinn! Es geht doch um Abkühlung. Also bitte!

23 Grad

23 Grad ist in etwa die Wassertemperatur in Méjean, einem Fischerdorf in der Gegend von Marseille. Dort spielt der neue Krimi von Cay Rademacher, der so unglaublich gut schreibt, dass es einem den Atem nähme, wäre er nicht schon aus Spannungsgründen angehalten. Hat Rademacher Agatha Christies "Und dann gab es keine mehr" gelesen, das die meisten unter dem politisch völlig unkorrekten, aber mit der Handlung seit Jahrzehnten identifizierten Titel "Zehn kleine Negerlein" kennen? Vermutlich ja. Na und? Die Sache mit den Briefen, aufgrund derer die Freunde einander in Méjean treffen, ist doch nur ein Ausgangsmotiv. Außerdem ist bei Rademacher nur einer tot. Jetzt will Commissar Renard, der, nomen est omen, ein schlauer Fuchs ist, herausbekommen, wer von den fünf Freunden ursächlich verantwortet, dass es nicht mehr sechs Freunde sind. "Ein letzter Sommer in Méjean" kann man im Bad lesen - auf die Gefahr hin zu vergessen, dass man eigentlich ins Wasser gehen wollte. Was nur zeigt, dass Rademacher wieder einmal nicht baden gegangen ist.

22 Grad

Das Wasser in Sizilien hat ja auch nahezu Badewannentemperatur! Aber allzu schnelle Abkühlung ist ohnedies ungesund. Also - ja, was nun? Lieber einen "Commissario Montalbano" lesen oder ein anderes Buch von Andrea Cammilleri? Ganz klare Entscheidungshilfe: In "Die Tage des Zweifels" muss sich Montalbano fallbedingt häufig im Hafen von Vigàta aufhalten, um herauszufinden, ob und was der seltsame Besitzer der Luxusyacht mit dem Toten zu tun hat, den die Heckwelle seines Bootes ans Ufer gespült hat. Sowieso gilt: Hat man den ersten Camilleri gelesen, hört man nicht mehr auf, egal, ob man zu seinen Krimis oder den Nicht-Krimis greift. Wie es der hochbetagte Sizilianer schafft, ein Buch nach dem anderen auf einem derart hohen Niveau zu schreiben, ist eine Überlegung, die man an kühleren Tagen anstellen kann. Jetzt einmal genügt die Abkühlung durch das reine Lesevergnügen.