"Auf einmal ist Zeit." Mit diesem Satz beginnt Petra Nagenkögels ,Geografie der Unruhe‘, so der Untertitel, über den sie das zeigende "Dort" - so heißt ihr neues Buch - gesetzt hat. Dort, das ist Buenos Aires, in dem sich die in Salzburg lebende Autorin und Lektorin (Jg. 1968) längere Zeit aufhielt, in einer Wohnung in der Innenstadt.

Da ist von Weihnachten die Rede, von Ostern und von Jänner. In vielen kaleidoskopischen Einträgen erschreibt sie sich die Stadt am Rio de La Plata. Wie auch das Land. Sie unternimmt Fahrten in die Provinz, in den Elendsring, der die argentinische Hauptstadt umgibt, in alles andere denn ungefährliche Zonen. Das ist bild- und ausdrucksstark, das ist politisch, weil gesellschaftlich fokussiert.

Pamparomantik oder Hochkulturelles, gar Idyllen sucht man hier weit und breit vergeblich. Stattdessen wüstes Elend, pure Armut, eine krasse Zweiteilung in Oben und Unten. Und die unten haben keine Chance aufzusteigen, keine Aussicht, den verwüsteten Industriebrachen zu entkommen.

"Eine künstliche Landschaft ohne jede Zufälligkeit, gezähmt und der Ökonomie unterworfen, so eintönig, dass der Blick vergeblich nach Halt sucht in dieser bis zum Horizont sich dehnenden grünen Fläche, selbst der Himmel darüber scheint von derselben Monotonie, als sollte auch hoch über den Feldern nichts die Gleichförmigkeit stören, keine Wolke, die sich ins Bild schieben dürfte, kein Rauch".

Im Taumel der Krisen

Ein starkes Reisebuch der gänzlich anderen Art ist dies. Ein alles andere denn weichzeichnerisches Bild des seit mehr als einer Dekade volkswirtschaftlich von einer Krise in die nächste taumelnden Landes. Immer wieder kommen einfache Menschen zu Wort, die stoisch durchhalten oder von anderen berichten, die ausgewandert sind, die hungern, die in der Gosse leben, von der Hand in den Mund, manchmal nicht einmal dies.

Petra Nagelkögel gelingen sehr eindrückliche Bilder, Beobachtungen, Vignetten: "Die Zeit geht in Stille weiter. Es ist keine Situation, in der Worte gebraucht würden, in der Nuancierungen von Belang sein könnten, in der verschiedene Tonlagen ausprobiert und von einem anderen, einem Zuhörenden, erkannt und gedeutet werden wollen."

Sich selbst blendet die Autorin dabei nicht aus. Sie berichtet von der tiefen Erschütterung, als sie einmal auf der Straße überfallen wird, skizziert Gewalt. Und immer wieder beschreibt sie kreatürlichen Untergang: überfahrene Tiere, Kadaver, an denen sich Geier, Ratten, Ameisen gütlich tun. Auch Literatur spielt eine Rolle, allerdings nicht der magische Realismus lateinamerikanischer Prägung, sondern vielmehr Juan Carlos Onetti und dessen - im fiktiven Santa Maria angesiedelte - düstere Romane.

Die in Wien lebende Niederösterreicherin Margit Mössmer (Jg. 1982) hingegen versucht, mit "Palmherzen" den großen lateinamerikanischen Roman weiterzuschreiben.

Sie bietet auf: eine ums Überleben kämpfende Palmenplantage in Ecuador, geleitet vom Arzt Jorge und seiner Frau, die verzweifelt eine von ihr betriebene Schule am Leben zu halten bestrebt ist; Jorges Schwester, geschieden, hochfahrend, hartherzig und kalt, die stirbt; verlassene Frauen und Männer, die Katzengoldträumen hinterherjagen und schon nach Kurzem ernüchtert auf der Straße landen; zwei Ozelots, die verlassen aufgefunden und aufgepäppelt werden, sich dem Auswildern widersetzen und dann erbarmungslos erschossen werden; einfache Arbeiter ohne Geld oder Zukunft; ein Ananaskönig, der langsam erblindet und aus Rache ob einer betrunken ausgestoßenen Beleidigung schießlich geköpft wird; zwei unbekannte Tote; bestechliche Polizisten - und ein immer wiederkehrendes Pferd.

Suggestive Saga

Viele Motive werden zitiert und miteinander kombiniert. Dabei kreiert Mössmer eine recht suggestive, süffig zu lesende Saga. Deutliche Inspiration im Hintergrund sind Werke von Autoren wie Gabriel García Marquez, Mario Vargas Llosa oder auch Miguel Angel Asturias - was nicht an jeder Stelle kompositorisch gleichmäßig einleuchten mag.

Von Durchhalten und Verrat, von endemischer Korruption, zerfetzten Träumen und ausgewrungenem Durchhalten, von Aufgeben, emotionaler Verwirrung und unerbittlichem Untergang erzählt Margit Mössmer.

Hier wie dort: nur traurige, desperate Tropen.