Weltraumabenteuer 1953 im Detail: Die Rakete kurz nach dem Start. - Abbildung: © Objectif Lune, Castermann, 1953
Weltraumabenteuer 1953 im Detail: Die Rakete kurz nach dem Start. - Abbildung: © Objectif Lune, Castermann, 1953

"Neun. . . Acht. . . Sieben. . . Sechs. . . Fünf. . . Vier. . . Drei. . . Zwei. . . Eins. . . Zero!" Professor Bienlein liegt bäuchlings auf einer Matratze, auf seiner Stirn steht der Schweiß, und er drückt mit den Worten "Nun Gnade uns Gott" den Startknopf. Im nächsten Bild umhüllen Rauchwolken die rot-weiße Rakete, die vor einem wolkenlosen Nachthimmel auf der Startrampe steht, sich wie zum Sprung ansetzend am unteren Bildrand duckt.

Eine Sekunde danach befindet sich die Rakete schon am oberen Bildrand, empor katapultiert von einem mächtigen, kerzengeraden, hellgelben Feuerstrahl. Die Bilder zeigen nun die fünfköpfige Crew - Bienlein, Tim, Kapitän Haddock, Ingenieur Wolff und Struppi - flach liegend, von der Beschleunigung in ihre Matratzen gedrückt. Sie verlieren das Bewusstsein, die Funksprüche der Bodenstation bleiben daher unbeantwortet. In 800 Kilometer Höhe zündet planmäßig der Atommotor - bis dahin hatte der konventionelle Antrieb für Auftrieb gesorgt, um den Startplatz nicht nuklear zu verseuchen.

Und dann zeigt ein spektakuläres großformatiges Bild, wohl eines der detailliertesten der Comic-Geschichte, einen Teil des Südens von Europa von oben, auf den Kopf gestellt und aus dem Weltraum gesehen (siehe Abbildung rechts). Man erkennt darauf deutlich den reliefartigen Bogen der Alpen, den Stiefel Italien, der in das Mittelmeer ragt, und die Küsten Nordafrikas - und quer darüber, dem oberen rechten Bildrand zustrebend, über zwei Kontinente und das Meer hinweg fliegend, die rot-weiße Rakete, effektvoll direkt auf den Betrachter zu, und gleich darauf, auf einem kreisrunden Bild, von unten gesehen, in den Sternenhimmel hinein rasend. 

Mit diesem Blick durchs Fernrohr auf die sich entfernende Rakete, die mit einer Geschwindigkeit von "9,133" Kilometern pro Sekunde das Kraftfeld der Erde verlässt, endet "Reiseziel Mond", der erste Teil des als Doppelalbum konzipierten Mondabenteuers. An Bord sind alle ohnmächtig, und noch weiß niemand, ob diese Reise gelingen und wie sie enden wird. Ein klassischer Cliff-Hanger.

Hergé war am Zenit seiner Karriere, als er 1950 das Mondabenteuer begann. Er war nicht nur ein begnadeter Zeichner, er war auch ein brillanter Erzähler, der wusste, wie man Spannung aufbaut und über lange Distanzen hält. 1929 hatte er "Tim und Struppi" erfunden, mit Action und Komik im Stil Buster Keatons berühmt gemacht und den furchtlosen jungen Reporter und seinen frechen weißen Foxterrier zwei Jahrzehnte lang rund um den Globus auf Jagd nach Verbrechern - Drogenschmugglern, Falschmünzern, Sklavenhändlern, Waffenschiebern - geschickt.

Im Verlauf der Jahre hatte Hergé seinem unzertrennlichen Duo Tintin und Milou - so heißen Tim und Struppi im Original - weitere Figuren an die Seite gestellt: Zuerst die begriffsstutzigen und tollpatschigen Detektive Schulze und Schultze, dann den brummigen Seebären Kapitän Haddock, eine Seele von Mensch, solange kein Whiskey in der Nähe ist, und schließlich Professor Bienlein, einen ebenso genialen wie weltfremden Wissenschafter, der nach eigener Meinung nur etwas "harthörig" ist, tatsächlich aber fast taub, was stets eine ergiebige Quelle für hochkomische Situationen ist.

Vor allem in diesem Abenteuer, in dem Bienlein - den Hergé optisch nach dem realen Vorbild des Wissenschafters Auguste Piccard gestaltet hat - erstmals die Hauptrolle spielt. Eines Tages ist er spurlos verschwunden. Tim und Haddock rätseln, wo er ist, bis ein Telegramm eintrifft, in dem Bienlein sie ohne Angabe von Gründen bittet, nach Syldavien - einen fiktiven Staat in Mitteleuropa, diesseits des Eisernen Vorhangs - zu kommen. Ist das Telegramm echt? Egal! Tim und Haddock, die, so wie James Bond, nie eine Gelegenheit auslassen, um sich an exotischen Schauplätzen in Lebensgefahr zu bringen, setzen sich sofort ins Flugzeug und fliegen hin. Am Flughafen werden sie in eine große amerikanische Limousine gesetzt - ein Dodge Coronet, Baujahr 1949 - und von zwei schweigsamen Chauffeuren in ein entlegenes Gebirge gefahren, in einen von der Umwelt streng abgeschirmten, beeindruckend großen Industriekomplex.

Dort werden sie von Bienlein herzlich begrüßt und endlich mit den Fakten vertraut gemacht. In Syldavien sei Uran gefunden, ein Kernforschungszentrum errichtet und Wissenschafter aus aller Welt angeworben worden - und er sei mit der Leitung der Abteilung Astronautik betraut und habe "Pläne für eine Rakete mit Atomantrieb entwickelt, mit der wir auf den Mond fliegen können".

Kapitän Haddock lacht sich fast tot. Er kippt beinahe vom Sessel, nimmt Bienlein dabei auf die Schippe, prostet ihm zu, und fragt schließlich prustend: "Sie nehmen doch hoffentlich Fahrgäste mit?" Und Bienlein, den der Spott nicht anficht, weil er nur die letzte Frage versteht, antwortet trocken: "Ja, natürlich! Was meinen Sie denn, wozu ich Sie sonst hergebeten hätte?"

Da erst begreift Haddock die ungeheuerliche Zumutung. Er springt auf, beugt sich über den Tisch, brüllt Bienlein an: "Ich? Auf den Mond? Mit ihnen? Sie verfügen so einfach über mich? Ich setze keinen Fuß in ihre Höllenmaschine von Teufelsrakete!" Und Bienlein, der sein Hörrohr mit Haddocks Pfeife verwechselt hat, springt nun ebenfalls auf, ergreift Haddocks Hand und sagt gerührt: "Danke, Kapitän, tausend Dank! Ich wusste, dass ich mich auf sie verlassen könnte."

Zufällig kommt gerade in dem Moment der Ehrfurcht gebietende Leiter des Forschungszentrums. Und schon ist das Schicksal des Seefahrers, der ganz gegen seinen Willen zum Mondfahrer wird, besiegelt: "Herzlichen Glückwunsch, Kapitän! Der Herr Professor hatte Sie mir als einen Mann von Charakter beschrieben. Er hat nicht übertrieben!"

Von der köstlichen Komik bis zum tödlichen Ernst ist es in den bis ins Detail in der Realität wurzelnden Geschichten von Hergé oft nur ein kleiner Schritt. Und was danach kommt, ein atemberaubender Höllenritt. Auch für den ebenfalls überrumpelten Tim gibt es ohne Gesichtsverlust keinen Weg mehr zurück. Und die Spezialanzüge sind im Übrigen auch schon für die künftigen Raumfahrer maßgeschneidert - sogar für Struppi! Bienlein, dessen famose Rakete, so viel kann man vorwegnehmen, den Weg zum Mond problemlos bewältigen wird, hat an alles gedacht.

Oder, vielmehr, an fast alles. Auf die Idee, dass unter den vielen Leuten, die an diesem strategisch bedeutsamen, streng geheimen Projekt arbeiten, auch solche sein könnten, deren Idealismus nicht lupenrein ist, kommt nicht Bienlein, der sich ständig in höheren Sphären befindet, sondern der gut geerdete Tim. Und sein Verdacht erweist sich als begründet. Es ist tatsächlich ein Verräter dabei. Ja, schlimmer noch, er ist dann am Ende sogar mit in der Rakete, auf dem Weg zum Mond.

Blinde Passagiere

Mit einer weiteren dramatischen Entwicklung, die den Flug in Not bringen wird, weil die Atemluft knapp ist, hat überhaupt niemand gerechnet: Es sind auch unfreiwillige blinde Passagiere an Bord. Nur dass es sich bei diesen Unglücksraben um Schulze und Schultze handelt, ist keine allzu große Überraschung. Die beiden hienieden auf Erden und oben im All hoffnungslos Ahnungslosen haben unten im Laderaum der Rakete, den sie kurz "vor dem Start" noch inspizieren wollten, gerade ein "Erdbeben erlebt" - und glauben zuerst an einen Witz, als ihnen der entsetzte Bienlein sagt, dass die Startzeit der Rakete "1 Uhr 34 morgens! Nicht um 13 Uhr 34!" war. Bis sie dann, so wie auch schon Haddock, schlagartig den Ernst ihrer Lage begreifen.

1953 ist das erste Monabenteuer erschienen. - © Carlsen
1953 ist das erste Monabenteuer erschienen. - © Carlsen

Hergé hingegen war der Zeit nicht hinterher. Seine Rakete landet ganz planmäßig. Tim klettert als Erster über die Leiter hinunter, die Ausstiegsluke ist in schwindelnder Höhe, und dann - ein großes Bild zeigt die aufrecht stehende rot-weiße Rakete, den schwarzen Sternenhimmel, die zerklüftete Oberfläche, und darauf stehend, winzig klein, Tim - ist es so weit: "Ich stehe auf dem Mond! Zum ersten Mal macht ein Mensch von der Erde SCHRITTE AUF DEM MOND!"

Das war im März 1953. Josef Stalin, ein Protagonist des Kalten Kriegs, war gerade gestorben, Albert Einstein, der berühmteste Wissenschafter seiner Zeit und bekennender Pazifist, lebte noch, und die Welt wusste noch nichts von einem Satelliten namens Sputnik, der die Sowjetunion beim Wettlauf ins All in Führung bringen würde. Und bis Neil Armstrong im Juli 1969 das Rennen für die Amerikaner entschied, und als erster Mensch den Mond betrat, vergingen noch mehr als 16 Jahre.

Seiner Zeit voraus

Hergé war der Realität um mehr als anderthalb Jahrzehnte voraus! Allerdings sind lange vor Tim schon andere Geschöpfe der menschlichen Phantasie zum Mond gereist. Die Astronauten, die Jules Verne 1865 in "Von der Erde zum Mond" und 1870 in "Reise um den Mond" beschreibt, fliegen zwar nicht mit einer Atomrakete, sondern werden per Kanone zum Mond geschossen - weshalb es ein Glück für sie ist, dass sie ihn knapp verfehlen, und nach einer unfreiwilligen Umrundung wieder zurück zur Erde gelangen. Ansonsten ist Verne mit vielen Details aber bereits so nahe an der Realität wie 80 Jahre später Hergé - und teils sogar näher: Bei Verne besteht die Besatzung aus drei Amerikanern, und die landen, wie auch die Astronauten der Apollo-Flüge, bei der Rückkehr im Meer.

Bemerkenswert ist auch der deutsche Stummfilm "Die Frau im Mond" von Fritz Lang und Thea von Harbou aus dem Jahr 1929 - und dies nicht nur, weil die Handlung große Ähnlichkeiten zu der von Hergé aufweist. Einer der technischen Berater bei diesem Film war Hermann Oberth, der später, unter Wernher von Braun, an der Entwicklung der deutschen V2-Rakete beteiligt war.

In vielen Belangen war das Mondabenteuer, an dem Hergé 1950 zu arbeiten begann, also bereits vorweggenommen. Wer gerne die Nase hoch trägt, könnte auf diesen oberflächlichen Befund noch den herablassenden Vermerk stempeln, dass Hergé zwar zweifellos ungemein erfolgreich war - rund 200 Millionen verkaufte Alben -, aber eben nur als Vertreter einer Kunstrichtung, die sich vorwiegend an sehr junge Menschen wendet, die noch nicht wirklich ernst zu nehmen sind.

Man könnte heutzutage, im Licht der Erkenntnisse zum Klimawandel, aber auch bemerken, dass Hergé seine Mondrakete, abgesehen vom Brennstoff, völlig intakt und wieder verwendbar zur Erde zurückgebracht hat. Das hat Wernher von Braun nicht geschafft. In diesem Punkt war Hergé seiner von unreflektiertem Fortschrittsglauben dominierten und zwei Weltkriegen überschatteten Zeit weiter voraus als nur sechzehn Jahre.