Mit dieser Sequenz, der Landung der Apollo 11 auf dem Mond, endet Band 1 von Eickmeyers Comic. - © Abb,: Splitter Verlag
Mit dieser Sequenz, der Landung der Apollo 11 auf dem Mond, endet Band 1 von Eickmeyers Comic. - © Abb,: Splitter Verlag

"Sie sind doch auch einer von denen, die behaupten, auf dem Mond gewesen zu sein." Im Jahr 2002 lauert Bart Sibrel dem Weltraumfahrer Edwin E. Aldrin Jr., kurz: Buzz Aldrin, auf, um ihn mit dem "Lügenmärchen" der Apollo 11 zu konfrontieren. Der Verschwörungstheoretiker Sibrel stellt sich Aldrin in den Weg, beschimpft ihn als Lügner und Feigling und fordert ihn auf, ausgerechnet auf die Bibel zu schwören, falls er bei seiner Behauptung, auf dem Mond gewesen zu sein, bleibe.

Nachdem Sibrel mit seinem Kamerateam nach mehreren Aufforderungen Aldrins nicht bereit war, diesem den Weg freizumachen, schlug ihm der Astronaut mit der Faust ins Gesicht. Ein Videoausschnitt von dieser Begegnung lässt sich im Internet abrufen. Seine Echtheit wurde bisher - soweit bekannt - nicht angezweifelt.

Katastrophe 1967

Er habe es nicht nötig, zu beweisen, dass er auf dem Mond gewesen sei, erwiderte Aldrin dem Zweifler. "Wir waren dort. Und auf dem Weg dorthin sind Freunde von mir gestorben." In Peter Eickmeyers Comic "Der zweite Mann" spielen Verschwörungstheorien zu den Mondlandungen keine weitere Rolle. Das gilt zumindest für den ersten Band mit dem Titel "Der Adler landet", der nun vorliegt und die Vorgeschichte der ersten Mondlandung aus dem Blickwinkel des zweiten Mannes erzählt, der unseren Trabanten mit eigenen Füßen betreten hat. Der Band endet mit der Landung der krakenartigen Landefähre "Adler" am 20. Juli 1969 um 20:18:04 Uhr. Der zweite, abschließende Teil erscheint im Oktober dieses Jahres.

Der Einstieg ist bezeichnend für Eickmeyers Arbeitsweise an diesem Comic: Er beleuchtet ein Ereignis aus dem Leben des Astronauten und gibt sich selbst das Stichwort für die nächste Episode. In diesem Fall durch Aldrins Hinweis auf den verheerenden Unfall, bei dem die Astronauten Virgil "Gus" Grissom, Edward White und Roger Chaffee ums Leben kamen. Im Rahmen eines Routinetests des Apollo-Programms Anfang des Jahres 1967 kommt es zu einem Kurzschluss, Feuer bricht aus, den drei Astronauten gelingt es nicht, sich aus der Kabine zu befreien. So erlebt die NASA zu Beginn ihres Weltraumprogramms aufgrund grober Mängel und Fahrlässigkeiten eine schmerzliche Niederlage.

Zwei Panels, in denen das Feuer um sich greift, stechen durch ihre orange-rote Kolorierung hervor. Insgesamt ist es aber die Farbe Blau, die in diesem Band vorherrscht, geht es doch um eine Blickrichtung in den Himmel - und schließlich um eine neue Sicht auf den Blauen Planeten, die hier vorbereitet wird (siehe Abbildung oben).

Auslöser für das Projekt des Grafikers und Zeichners Eickmeyer waren offenbar unauslöschliche Eindrücke aus der Kindheit, als sein Vater am frühen Morgen des 21. Juli 1969 "mich weckte und mich mit vor unseren Schwarz-Weiß-Fernseher holte": "Damals - mit fünf Jahren - sah ich nur zwei komisch gekleidete Männer auf unscharfen Fernsehbildern, die komisch hüpften."

Nun erfüllt sich der Zeichner einen Kindheitstraum: Die frühen Schwarz-Weiß-Bilder erscheinen in einem "modernen künstlerischen Look", die eingescannten Tuschzeichnungen sind durchgehend mit matt-gedämpften Farben koloriert. In knappen Bildern erzählt Eickmeyer mit historischer Präzision die Etappen der Raumfahrt vom Sputnikschock, der die USA zu einem Fortschritt in der Weltraumforschung anstachelte, über John F. Kennedys berühmten Aufruf im Jahr 1961, in dem er geschickt formulierte, "dass nicht nur ein Mann zum Mond fliegen wird, sondern unsere ganze Na- tion", bis hin zum Erfolg der Apollo 11.

Fiktionale Einschübe

Spannend sind dabei vor allem die Querverweise auf die historischen Ereignisse der 1960er Jahre, diesem Jahrzehnt, das sich zwischen Traum und Erschütterung bewegt: die Morde an den Hoffnungsträgern J. F. Kennedy, Robert F. Kennedy und Martin Luther King, und Bilder aus Vietnam, die eine weitere Schockwelle auslösen. Gekonnt setzt Eickmeyer die Geschichte aus Text- und Bildzitaten zusammen. Dazwischen finden sich gelegentlich fiktionale Einschübe, etwa wenn der Autor in Anspielung an Kennedys Affären Marilyn Monroe "Fly me to the moon" singen lässt.

Das "Aufgehen" des blauen Planeten Erde und die Entstehung des berühmten "Earthrise"-Fotos durch die Apollo-8-Mission 1968 sind Gegenstand dieses Panels in "Der zweite Mann". - © Abb.: Splitter Verlag
Das "Aufgehen" des blauen Planeten Erde und die Entstehung des berühmten "Earthrise"-Fotos durch die Apollo-8-Mission 1968 sind Gegenstand dieses Panels in "Der zweite Mann". - © Abb.: Splitter Verlag

Was das persönliche Porträt des zweiten Mannes auf dem Mond betrifft, ist der Comic zurückhaltend. Immerhin tritt Al-drin an einer Stelle an Neil Armstrong mit dem Vorschlag heran, dass er, Aldrin, wenn es soweit ist, doch als Erster den Mond betreten könnte. Dass die Entscheidung anders ausgefallen ist, ist bekannt. Doch nachlesen kann man ebenso, dass Aldrin die Rolle des zweiten Mannes alles andere als leichtgefallen ist.

Ob sich der nächste Band noch näher an die Persönlichkeit des Astronauten heranwagt, kann man nur mutmaßen. Der Titel des abschließenden Bandes, "Eine herrliche Einöde", gibt jedenfalls ein großartiges Zitat wieder: Mit "magnificent desolation" hat Al-drin, noch am Mond wandelnd, die karge Schönheit dieses treuen Begleiters der Erde beschrieben.