Schon als Kind mochte er Pläne von Häusern. "Ich verbrachte viel Zeit damit, riesige Häuser zu zeichnen und träumte davon, darin zu wohnen." Alan Hollinghurst, 66, hat eine dunkle Stimme, eine ruhige, freundliche Ausstrahlung und nuschelt ein bisschen in seinen Kinnbart hinein. Den Traum, Architekt zu werden, gab er auf, als er entdeckte, "dass Architekten weniger zeichnen, als sich mit der Verkabelung und der ganzen Technik zu beschäftigen".

In seinen Romanen erfindet er weiterhin gerne Häuser, interessiert sich auch sonst für Architektur und Inneneinrichtung. Kurz bevor im März sein sechstes Buch, "Die Sparsholt-Affäre", auf Deutsch erschien, dekorierte er eine Wohnung über drei Etagen um, "mit hunderten von Bildern, die darauf warteten, neu gehängt zu werden".

Er sammelt Porträts, oft von Unbekannten. "Es ist eine Art Sucht. Leute entwickeln online alle möglichen Süchte. Meine entstand, als ich entdeckte, dass Auktionskataloge im Netz einsehbar sind." Social Media wie Facebook oder Instagram hat er lieber von Anfang an gemieden, weil er sehr leicht abzulenken sei. "Wenn ich einmal damit anfinge, würde ich wahrscheinlich den ganzen Tag nichts anderes mehr tun."

Moralisches Gefühl

Im Social-Media-Zeitalter endet "Die Sparsholt-Affäre", ein Gesellschaftsporträt Großbritanniens im Spiegel des Lebens Homosexueller vom Zweiten Weltkrieg bis heute. Ein Roman in fünf Teilen, von denen jeder "eine andere ethische Stimmung wiedergeben sollte, ein vorherrschendes moralisches Gefühl", wie Hollinghurst sagt. 1940 verführen die Teenager im Oxforder College einander heimlich; in der Gegenwart beobachtet Johnny, der gealterte Sohn des 1940 verführten bisexuellen David Sparsholt, wie sein junger Liebhaber die intimsten Dinge seines Lebens per Dating-App mitteilt oder Pornos guckt, die Johnny die Schamesröte ins Gesicht treiben.

Hollinghurst ist fasziniert davon, wie stark sich das Verständnis von Privatheit im letzten Jahrzehnt verändert hat. Für einen Schriftsteller seien jedoch Zeiten dankbarer, in denen Homosexualität versteckt gelebt wurde. "Wenn die Dinge verschleiert werden, hat man etwas aufzudecken."

Zwischen einigen der fünf Teile des Romans, die aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden, liegen große Zeitsprünge. Und immer wieder tauchen neue Liebhaber, Freunde und Verwandte der Erzähler, die zu einem großen Londoner Freundeskreis aus Intellektuellen und Künstlern gehören, auf. Der Leser muss sich neu orientieren, bis ihm die Veränderungen in der Gesellschaft und im Leben der Charaktere während der ausgelassenen Jahre klar werden.