Anfang der 2000er Jahre taucht auf einmal eine dicke Hartz-IV-Empfängerin im pinken Jogger auf deutschen Bühnen auf und mischt die Comedy-Szene so richtig durch: Als Cindy aus Marzahn suhlte sich Ilka Bessin im Namen ihrer Kunstfigur so richtig in Selbstmitleid, erzählte diversen Schnodder aus dem Bereich Alltagssatire, sprach aber auch gesellschaftspolitische Themen schonungslos offen an. 2016 schickte sie Cindy in Pension (und zwar nachhaltiger als andere Kollegen, man denke nur an die vielen Abschiede der Wurst alias Conchita alias Tom Neuwirth) und betritt nach einer Schaffenspause heuer erneut die deutschen Bühnen - diesmal unter ihrem bürgerlichen Namen.

Gleichzeitig holt sie ihre Figur doch noch einmal vor den Vorhang, allerdings indirekt. Denn in "Abgeschminkt. Das Leben ist schön - Von einfach war nie die Rede" erzählt Bessin, wie aus der gelernten Köchin, Hotelfachfrau und Animateurin, die 1971 in Luckenwalde in Brandenburg zur Welt kam, eine der bekanntesten und schrägsten deutschen Komikerinnen der Nullerjahre wurde. Das Ganze kann man entweder auf 288 Seiten lesen oder sich von ihr selbst als Hörbuch erzählen lassen. Allerdings braucht man dafür erstens Zeit und zweitens ein gutes Aufnahmevermögen. Denn die ungekürzte Lesung dauert 6 Stunden und 40 Minuten - was an sich noch keine großen Sache wäre. Allerdings schafft es Bessin leider nicht, den Elan ihrer Bühnenfigur mitzunehmen.

Und das ist schade, denn die ehemalige Langzeitarbeitslose Bessin (die also genau wusste, wovon sie sprach) hat viel Interessantes zu erzählen über ihr Leben mit und ohne Cindy: von echten und falschen Freunden, vom Umgang mit unerwartetem Erfolg und natürlich von ihrem Werdegang an sich. Aber es ist mitunter ein wenig anstrengend, ihrer mitunter recht monotonen Stimme zuzuhören. Am Ende bleibt wahrscheinlich mehr hängen, wenn man doch das Buch zur Hand nimmt und es selbst liest. Da hat man vielleicht auch Cindys Stimme im Ohr, die die Lektüre spannender macht . . .

Ilka Bessin: Abgeschminkt
Das Leben ist schön - von einfach war nie die Rede
Heyne; 288 Seiten; 15,50 Euro
Hörbuch (2 CDs): 19,99 Euro

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