Ist also ein konsequent zu Ende gedachter Säkularismus die Lösung unserer Probleme mit der Religion?

Verzeihen Sie meine Altersmüdigkeit, aber es gibt keine Lösung. Wenn es die gäbe, wäre nämlich die Geschichte zu Ende. Probleme werden immer nur transformiert, umgelegt, durch die "Lösung" des einen Problems entsteht ein neues. Und all das zusammengenommen nennt man eben Geschichte. Aber es stimmt schon, dass die großen Schlächtereien des 20. Jahrhunderts nicht im Namen von Religionen stattgefunden haben. Dieses spezifische Problem, dass nämlich die großen monotheistischen Religionen, wenn sie sich selbst ernst nehmen, immer einen absoluten Wahrheitsanspruch vertreten müssen - auch gegen sich selber -, ist richtig. Aber der Weg zu einer polytheistischen Vielfalt ist uns versperrt.

Gibt es also gar keinen Fortschritt, bleibt uns wirklich nur die Flucht in den Zynismus?

Zynismus kann durchaus eine wunderbare Erkenntnismethode sein. In Situationen moralischer Nötigung ist Zynismus durchaus eine sittliche Qualität - das ist einer meiner Lieblingssätze.

Zynismus ist allerdings zumeist der Luxus distanzierter Beobachter, der innerlich Unbewegten, der Hilflosen, die noch dazu in der Minderheit sind.

Das stimmt, allerdings sind wir in Österreich im Hinblick auf die Ereignisse von Paris doch alle distanzierte Beobachter. Wir betreiben hier doch das reinste Infotainment. Es wird mir niemand einreden können, dass irgendjemand in Österreich wirklich und ernsthaft Angst vor einem terroristischen Anschlag hat. Und selbst wenn es einen solchen geben sollte, werden die Opfer, die der Straßenverkehr fordert, ungleich höher liegen als diejenigen eines militanten Islamismus. Wir sind in Österreich Konsumenten eines Infotainment.

Ist in diesem Zusammenhang gar kein Gefühl echt, weder die Sorge um die Meinungsfreiheit noch die Furcht vor einem militanten Islam?

Ich habe keine Angst vor dem Islamismus oder vor einem Anschlag militanter Gruppen. Ich fürchte den gemäßigten Islam, weil er sich in unsere laizistischen Sitten und den säkularen Staat einschleicht. Diesen Verlust säkularer Verhaltensweisen, die traditionell mit der europäischen Hochmoderne in Verbindung gebracht werden, befürchte ich tatsächlich. Ich habe den neuen Roman von Michel Houellebecq noch nicht gelesen, aber seine inhaltliche Idee eines sich schleichend islamisierenden Frankreich halte ich für genial.

Muss diese Debatte unbedingt mit der Gewissheit von der Überlegenheit der eigenen moralischen Werte geführt werden, oder würde nicht schon eine Rückbesinnung auf die alte bürgerliche Tugend der Höflichkeit im alltäglichen Umgang weiterhelfen? Was die Menschen in ihrem Innersten antreibt, kann ohnehin niemand kontrollieren.

Ja, vollkommen einverstanden. Vieles löst sich schon durch etwas bessere Manieren.

Wenn sich aber Europa weniger als Wertegemeinschaft präsentiert und stattdessen als Vereinigung höflicher Menschen mit guten Manieren, ist damit nicht unweigerlich ein Zurückschrauben der eigenen Ansprüche verbunden, in der Art von: Egal, was einer im Innersten denkt, es reicht, wenn er sich nach außen an die Spielregeln hält?

Ja, sicher, ich habe mich aber auch nie als Missionar gesehen. Ich will hier wirklich keine normativen Aussagen treffen, sondern einfach nur beschreiben, wie ich die Lage sehe. Wenn man sich vor zehn, fünfzehn Jahren gegen eine EU-Mitgliedschaft der Türkei ausgesprochen hat - eine Forderung, die vor allem die Briten erhoben haben, um die EU politisch zu schwächen -, ist man sogleich in ein Eck gestellt worden. Das gleiche galt bei Einwänden gegen das damals populäre Multikulti-Denken, das nie eine Beschreibung war, sondern immer ein Programm samt Hinweis, dass es sich dabei um eine Bereicherung handeln würde. Vor zwanzig Jahren habe ich geschrieben, dass dies ein Spiel mit dem Feuer ist - und heute brennt der Hut, vor allem in Frankreich, aber auch in anderen Ländern.

Warum haben Politik und Medien so lange nicht wahrhaben wollen, dass die Integrationsprobleme aus dem Ruder laufen?

Solche Prozesse, solche Zusammenfügungen von Meinungs- und Moralinseln spielen sich in der Geschichte immer wieder ab; heute wirken sie nur besonders stark, das geht bis in die Terminologie hinein. Nehmen Sie den Begriff "islamophob". Ich bin ein Bekennender Islamophober, kein starker, aber doch. Phobie bedeutet einfach nur Angst, und ich befürchte eine schleichende Erosion westlicher Lebensformen. "Zitzerlweise", dieser schöne Wiener Begriff, ist für mich das sehr viel passendere "Wort des Jahres" als "Lügenpresse": Ich befürchte die zitzerlweise Erosion moderner Lebensformen. Vor der schlagartigen Einführung der Scharia habe ich keine Angst, auch nicht vor einigen Verrückten, die vielleicht ein Attentat begehen könnten - sich mit denen zu beschäftigen, ist Aufgabe der Polizei.

Alle Menschen in Westeuropa, die einigermaßen bei wachem Bewusstsein sind, haben ein Unbehagen angesichts des politischen Islam. Und der Islam ist eine politische Religion ganz eigener Art - und dann stellt sich Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, hin und sagt "der Islam gehört zu Deutschland". Das ist mit großer Wahrscheinlichkeit der dümmste Satz, den sie je gesagt hat, auch wenn sie nur den ehemaligen Bundespräsidenten Wulff zitiert hat. Wenn Merkel gesagt hätte, "die Muslime gehören als Staatsbürger zu Deutschland" - wunderbar. Aber "der Islam", das kann ich nicht nachvollziehen. Ich wäre auch nicht glücklich, wenn es heißen würde, der Katholizismus gehört zu Österreich. Nein! Die Katholiken aber sehr wohl.