Vielleicht täuscht der Eindruck, aber es hat den Anschein, als würde der Umgang zwischen Verlagen und Autoren schwieriger, der Ton zwischen beiden rauer. So haben sich etwa zahlreiche Autoren des Wiener Deuticke Verlags in einem Offenen Brief vehement dagegen ausgesprochen, dass diese österreichische Traditionsmarke ab 2020 nur noch unter dem Verlagsnamen Zsolnay firmieren soll. Und um die Entlassung der Rowohlt-Verlagsleiterin Barbara Laugwitz entspann sich gar eine Art Fortsetzungskrimi im Feuilleton, in dem die Autoren ebenfalls mit deftigen Worten lautstark auf die Geschäftsführung des Holtzbrinck-Konzerns (zu dem Rowohlt gehört) einprügelten.

Leuchtturm Suhrkamp

Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass Autoren unzufrieden sind mit ihrem Verlag und aus welchen Gründen auch immer in eine neue verlegerische Heimat wechseln. Aber die Regel war bisher doch eine eher enge Verbundenheit, bei der beide Seiten sehr wohl wussten, was sie aneinander hatten. Diese treue Verlagsbindung von Autoren hat natürlich immer mit besonderen Persönlichkeiten im Verlag zu tun, ob Verleger oder Lektor, die den Autoren das Gefühl vermitteln, nur in diesem Hause gut aufgehoben zu sein.

Einer der Leuchttürme solch symbiotischer Autor-Verlags-Beziehungen war und ist der Suhrkamp-Verlag. Maßgeblich dafür verantwortlich war Siegfried Unseld, zunächst Lektor unter Peter Suhrkamp, dann von 1959 bis zu seinem Tod 2002 Verleger und hauptverantwortlich dafür, dass die "Suhrkamp-Kultur" den literarischen und geistigen Diskurs der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren bestimmte. Seine bisher edierten Briefwechsel mit Autoren wie Thomas Bernhard, Peter Handke oder Uwe Johnson zeigen eindrücklich, welche besondere Verlegerpersönlichkeit Unseld war und wie es ihm gelang, einige der bedeutendsten Nachkriegsautoren (aber auch Philosophen wie Theodor W. Adorno oder Jürgen Habermas) dauerhaft an den Verlag zu binden.

Besonders auffallend an diesen Korrespondenzen ist Unselds Doppelbegabung als Literaturbegeisterter und Geschäftsmann. Er las und kommentierte alles, was seine Autoren ihm schickten, wusste aber zugleich auch, dass ein Verlag ein Wirtschaftsunternehmen ist und nicht nur von der literaturgeschichtlichen Bedeutung seiner Produkte lebt.

Kaum einer seiner Autoren war (und ist) ihm in dieser Hinsicht ähnlicher als Hans Magnus Enzensberger. Der inszenierte sich nie als einsam dichtendes Genie, sondern als "Produzent von Schriftstücken". Und er wusste genau, dass man als Schriftsteller am besten vom Schreiben leben kann, wenn man sich zu einer "Marke" macht. Sie trägt seither das Kürzel "HME" und steht für provokative Essays, für Lyrik, die auch in den Schulen gelesen wurde, für stets überraschende neue literarische Formen jenseits der klassischen Gattungen. Vor allem aber jonglierte HME gekonnt mit den verschiedensten Rollen im Literaturbetrieb, und sie alle waren von Anfang an, seit 1957 und der Veröffentlichung des Gedichtbands "verteidigung der wölfe", eng mit Suhrkamp verbunden.

Tobias Amslinger, seit 2016 Leiter des Max-Frisch-Archivs in Zürich, beschreibt in seiner vorzüglichen Arbeit (der eine Dissertation zugrunde liegt) die verschiedenen Facetten dieser "Verlagsautorschaft". Darunter versteht er die Tatsache, dass man als Autor eines Verlags in ein "soziales Gefüge eingebettet" ist, "mit dem Kooperationserwartungen, Wirkungs-, aber auch Konfliktpotentiale verbunden sind".

Partner in fast allem

Im Falle HMEs ging das so weit, dass er dem Verlag in mehr als nur der Funktion des Autors verbunden war: Er fungierte als Übersetzer, Herausgeber, Lektor, Berater (heute würde man Scout sagen), Literaturkritiker und nahm sogar Einfluss auf die Buchgestaltung. "Wenn immer ich in den vergangenen Jahren mich mit dem Gedanken vertraut machen mußte, diesen Verlag einmal alleine zu leiten, so warst immer du es, den ich als Partner sah", schrieb Unseld schon im Mai 1959 an Enzensberger. Ein solcher "Partner" im weitesten Sinne war HME dem Verlag dann tatsächlich - weit über Unselds Tod hinaus, im Grunde bis heute.

Amslingers Buch (das im Anhang zahlreiche Dokumente aus dem Siegfried Unseld Archiv enthält) ist ein Meilenstein nicht nur der Verlagsgeschichtsschreibung. Und es weckt enorme Hoffnungen: Sollte der Briefwechsel zwischen Enzensberger und Unseld dereinst veröffentlicht werden, so werden wir damit, so viel lässt sich schon jetzt sagen, eines des bedeutendsten und aufregendsten Dokumente der Verlags- und Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts in Händen halten.