Im Garten ist der Mensch immer ein bisschen Gott. Für diese Erkenntnis lohnt es sogar wirklich einmal, bei der Genesis anzufangen, zumal sich ihr zufolge ersterer die Welt untertan machen solle. Der humane Schöpfer, einstmals Bewohner im trauten Eden, steht somit im Mittelpunkt. Welche Folgen diese exklusive Stellung mit sich bringt, wird dieser Tage allen voran in der Vermüllung der Meere oder dem Klimawandel deutlich.

Wie also schreiben über Natur in einer Zeit der großen Entfremdung? Manche Autoren sehen sich in der Rolle der Mahner, andere geben ihrem Kulturpessimismus Raum. Die 1980 geborene Filmregisseurin Lola Randl indes zeigt in ihrem neuen Roman eine andersartige, so erfrischende wie auch originelle Strategie des Umgangs auf. Ihre autobiografische Protagonistin, die es mit Mann und Kindern vom urbanen Berlin in die geradezu eremitische Idylle der Uckermark verschlägt, erweist sich dort als eine vor allem beobachtende Gärtnerin.

Erinnernd an die emotionale Zurückhaltung in der Sprache einer Agota Kristof, werden wir einer neutralen Erzählung von Flora und Fauna gewahr: über das Wachstum von Pastinaken, die richtige Weise, Beete anzulegen, Regentage oder die lediglich begrenzte Sorgfaltspflicht des männlichen Maulwurfs für seine Nachkommen.

Die beinah kindlichen Beschreibungen, angeordnet in lexikonartigen Abbreviaturen, machen keinen Hehl daraus, dass sich der Mensch dem Reich von Igel, Hase und Quecke nicht zugehörig fühlt: Die Blumen "können einfach nur die Pflanzen werden, die sie sind. Der Mensch möchte auch gern der Mensch werden, der er ist. Aber für ihn ist das schwieriger. Es gibt zu viele Möglichkeiten, wer er sein könnte."

Die von Randl angenommene höhere Komplexität humaner Lebensverhältnisse spiegelt sich auf komische Weise in der chaotischen Existenz ihrer Ich-Erzählerin wider. Neben ihrem Eheleben führt sie ein Zweitbeziehung. Hinzu kommt der sexuelle Übereifer ihres Analytikers, weswegen sie zu einer Therapeutin wechselt. Diese narrativen Seiten- und Umwege offenbaren eine manifeste Identitätskrise, welche der Garten mit seiner Stille und Ruhe allerdings nicht aufzulösen vermag.

Weitaus spannender als die letztlich wenig reizvollen Passagen über eine mit sich selbst nicht im Reinen befindliche Frau ist die Frage, wie deren distanzierte Haltung zum Treiben der Natur zu deuten ist. Sowohl den Versuch ihres Liebhabers, lästige Maulwürfe im Garten zu vergiften als auch die Schlachtung von Schafen nimmt sie weitestgehend als zu akzeptierende Gegebenheiten hin. Soll diese Position nun die Empathielosigkeit des Menschen für seine Mitwesen kritisieren oder mag uns die Autorin am Ende wohl doch nur sagen: Schaut her, so ist einfach der (vermeintlich) normale Lauf der Natur!?

Oder soll man ihre Zurücknahme als Gegenmodell zu einem menschlichen Herrschaftsanspruch über Tiere und Pflanzen verstehen?

Dass man unter den vielen Büchern, die wir lesen und für die wir meistens rasch geschlossene Interpretationen entwickeln, doch hin und wieder auf ein Exemplar stoßen, das wirklich Raum zur Diskussion bietet, ist Anlass zur Freude. Gerade Stellen wie "Die Kleinfamilie ist keine Form des Zusammenlebens, die Schafe glücklich macht, sondern eher nervös" laden zur Problematisierung ein. Denn was wissen wir überhaupt über das Denken und Befinden von Tieren und verbirgt sich hinter jener Form des essenzialisierenden Deutens nicht doch ein inzwischen schwierig gewordener Anthropozentrismus?

Mythos Paradies

In der Gegenwartsliteratur ist längst ein breiter Diskurs über Mensch-Tier-Beziehungen entstanden, der insbesondere in einer Epoche einer industrialisierten Landwirtschaft mit Werken wie dem jüngst - ebenfalls bei Matthes & Seitz - erschienenen Großroman "Tierreich" von Jean-Baptiste Del Amo oder der gefeierten kookbooks-Anthologie "all dies hier, Majestät, ist deins. Lyrik im Anthropozän" souverän ethische Grundsatzfragen reflektiert.

"Der große Garten" reiht sich hier unmittelbar ein und veranschaulicht wie die anderen Werke dieses Diskursfeldes: Die Spätmoderne kennt das Paradies nur noch als Mythos.