Zeigt die Schattenseite unserer Vergangenheit auf: Otto Hans Ressler. - © Studio Weber
Zeigt die Schattenseite unserer Vergangenheit auf: Otto Hans Ressler. - © Studio Weber

Otto Hans Resslers Novelle "Die Verleumdung" thematisiert einen Prozess, in dem sich ein jüdischer Waffenhersteller erfolgreich gegen die bösartige Unterstellung wehrt, schadhafte Gewehrverschlüsse an die k.u.k. Armee geliefert zu haben. Diese, von einem alldeutschen Abgeordneten befeuerte Behauptung wird Gegenstand eines politischen Prozesses, der in ähnlicher Form in Berlin stattgefunden hat, vom Autor aber vor Wiener Lokalkolorit um 1900
romanhaft weiterentwickelt wird.

Der Unternehmer erreicht die Verurteilung des polternd-antisemitischen Politikers, der das Gericht zur politischen Bühne umfunktionieren will, jedoch mit dieser Strategie am korrekten Vorsitzenden scheitert. Was der Richter aber nicht verhindern kann, ist eine tendenziöse Berichterstattung und bewusst geschürten Unmut vor den Schranken des Landesgerichts, der pogromartige Szenen auslöst. Dennoch "siegt" die Wahrheit, der Advokat des Unternehmers und sein Mandant könnten sich darüber freuen. Der Prozessausgang erweist sich allerdings als Pyrrhussieg für den Armeelieferanten, sowohl in psychischer Hinsicht als auch was seine physische Integrität betrifft.

Das fulminante und gewaltsame Finale soll hier nicht verraten werden, weil das lesenswerte Werk ja auch Züge eines Kriminalromans trägt, der durch seine Spannung besticht und den Leser durch die Ungewissheit über den Ausgang unterhält.

Ressler, der im Zivilberuf eine Kunst-Auktionsfirma leitet, erweist sich als brillanter Erzähler, der die abwechslungsreiche Story konsequent aus der Sicht eines Advokaten ausbreitet. Dabei kommen auch psychologische Momente nicht zu kurz, eine geheimnisvolle Frau bereichert die Szenerie ebenso wie die kluge Gattin des Anwalts.

Dem Autor, der bereits mit zahlreichen Sachbüchern und biografischen Studien, etwa über den Hofburg-Maler Mikl ("Der Mikl", Edition Va Bene, 2015), sowie mit belletristisch-literarischen Werken an die Öffentlichkeit getreten ist, gelingt somit ein "Wurf" im Genre des historischen Romans, denn der Umfang des recht dicht gedruckten und ästhetisch überaus ansprechenden Buches geht über jenen einer Novelle hinaus.

Jenseits der literarischen Unterhaltung und Zerstreuung hat das Buch aber auch eine bedeutsame, mahnende Funktion, indem es die bereits in der k.u.k. Monarchie um sich greifende antisemitische Agitation aufgreift. Zu Recht dankt der Zeithistoriker und studierte Jurist Oliver Rathkolb dem Autor in seinem Vorwort für die verdienstvolle Umsetzung seiner erzählerischen Idee, denn sie zeigt eine Schattenseite unserer Vergangenheit auf, deren Anfänge in das 19. Jahrhundert zurückreichen. Zwar blieb die k.u.k. Monarchie als Staat gegenüber den heftigen Anwürfen und Auseinandersetzungen neutral, aber dennoch schlich sich die Agitation wie Gift in die Medien und in das Abgeordnetenhaus ein.

Bekanntlich haben sich gerade im beschriebenen Umfeld des Waffenhandels und der heimischen Armeelieferanten geradezu monströse Verleumdungen ereignet, ohne dass es in der österreichischen Reichshälfte zu einer gerichtlichen Ahndung kam.

Reizvolles Lokalkolorit

Prozesse wie der beschriebene fanden hierzulande zumeist gar nicht statt, da sich die Urheber einschlägiger Gerüchte entweder auf ihre Immunität beriefen oder sich nicht zu erkennen gaben. Der Weltkrieg verschlimmerte die Situation noch beträchtlich. Bewusst wahrheitswidrig behaupteten Agitatoren, dass jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg ihre Pflicht nicht getan hätten. Das Gegenteil davon ist wahr, der Blutzoll unter dieser Gruppe, der auch viele Offiziere und Ärzte entstammten, war überdurchschnittlich hoch.

Erzählstoffe, die vor einem tatsächlichen historischen Hintergrund spielen und somit eine "wahre Geschichte" belletristisch aufbereiten, erfreuen sich ebenso großer Beliebtheit wie "Prozessgeschichten" und Krimis. Kritisch ist anzumerken, dass manche der juristischen Fachausdrücke mit dem zeitgenössischen österreichischen Recht nicht zusammenpassen, das sich übrigens gerade im Strafprozess bis heute terminologisch nicht allzu stark verändert hat, weil Gerichtsorganisation und das Verfahrensrecht in wesentlichen Zügen bereits in der Monarchie entstanden sind.

All das ändert aber nichts an der Tatsache, dass dieses Buch höchst lesenswert ist, seine Handlung vor reizvollem Lokalkolorit ausbreitet und auf diese Weise durchaus realitätsnah historisch-authentische Ereignisse behandelt.