Früher hat Georg sich im Urlaub in Jesolo immer etwas einfallen lassen. Am ersten oder letzten Tag hatte er eine Überraschung für Andrea. Und jedes Mal fanden sie früher etwas besser in dem Hotel, in dem sie diesen Sommer erneut untergekommen sind: Das Zimmer war damals etwas größer oder der Ausblick schöner. Aber dann sagen sie sich, weil sie einen schönen Urlaub verbringen wollen, dass alles gut ist. Und es ist ja auch alles gut: Andreas Job, ihre Beziehung, ihr gemeinsames Leben.

Aber Georg will mehr: dass sie zu ihm zieht, dass sie eine Zukunft mit ihm aufbaut - doch all das bereitet Andrea Beklemmungen. Zurück aus dem Urlaub, merkt sie, dass sie schwanger ist. Sie nimmt einen Kredit auf, zieht ins Haus ihrer Schwiegereltern, jeder sagt ihr nun, was sie zu tun hat, für sich und das Baby. Renovierungsarbeiten, bei den Eltern wieder Kind spielen, Hebammenbesuche und eine Mutterrolle, die sie nie wollte.

In "Jesolo", dem Debütroman der in Wien lebenden Südtirolerin Tanja Raich, spricht Andrea mit Georg. Sie erzählt ihm eindringlich, in einfacher, klarer Sprache ihre Version der zehn Monate, die man sie als Leser begleitet; im Hinterkopf läuft beim Lesen möglicherweise Georgs Version ab, denn während sie mit diesem Leben hadert und sich als Mensch kaum mehr gesehen fühlt, scheint er sich seine Zukunft genau so vorgestellt zu haben und freut sich auf das Kind. Ein Roman über eine Frau Mitte dreißig aus der Mitte unserer Gesellschaft, die sich in die traditionelle Frauenrolle gedrängt fühlt.