Finanziell ist Bogdan damit saniert, die Quoten für seine Talk-Show sind gut, er kann sich eine Eigentumswohnung am besten Platz in Temeschwar leisten und - zum ersten Mal, notabene - Alimente zahlen. Nur sind laut seinem Vertrag - den Bogdan leider nicht genau liest, bevor er ihn unterschreibt - im Sommer Auslandseinsätze statt Urlaubswochen vorgesehen. "Wir drehen Szenen für eine Art Reality-Show. Mit versteckter Kamera. An Drehorten und Schauplätzen italienischer Filme. Und mit Zitaten daraus." Und darum sitzt der schwitzende Bogdan nun in Rimini wie ein Affe auf einem Baum und schreit "Ich will eine F r a u! Ich will eine F r a u!".

Zwei Monate lang, von Anfang August bis Ende September, soll Bogdan in Italien spielen, um in Rumänien für noch bessere Quoten zu sorgen, und zwei Monate lang folgt Ursula Wiegele ihrem physisch wie psychisch grenzwertig strapazierten Protagonisten, erzählt in pointiert kurzen Rückblenden sein abwechslungsreiches Leben - und schlägt den Leser dabei immer mehr in den Bann.

Geradezu ideal passt nämlich das (fast zum Ende hin konsequent angewandte) erzählerische Prinzip der radikalen Verunsicherung zu diesem Roman. Während Bogdan, auch bei den intimsten Verrichtungen, ständig unter Beobachtung steht, bleibt der Oligarch für Bogdan und den Leser undurchschaubar, ungreifbar und - beinahe - unsichtbar.

Große Rollen, doppelter Boden

Unsichtbar bleibt für Bogdan und den Leser anfangs auch das Filmteam; erst als einer der Mitarbeiter gekündigt wird und mit Bogdan Kontakt aufnimmt, bekommt ein Teil der Crew Gesicht und Stimme. Aber ist dieser junge Mann, der Bogdan vor Voicu warnt, ehrlich, oder auch nur Teil einer Inszenierung des Oligarchen?

Diese Undurchschaubarkeit ist faszinierend, aber sie hat einen Preis. Man benötigt als Leser viel Geduld. Und man sollte zumindest ein paar Stunden in Bibliotheken und guten Kinos verbracht haben, um die Geschichte von Bogdan wirklich genießen zu können. Hat man aber einmal den roten Faden gefunden, gerät man rasch in den Sog einer tiefgründigen Erzählung, bei der nicht nur die - bis ins nebensächlich scheinende Detail exakt beschriebene - Oberfläche schlüssig wirkt.

Aber kann man überhaupt von "nebensächlichen" Details sprechen? Und von nur einem roten Faden? Auf raffinierte Weise wird, so scheint es zumindest, auf dieser zeitgenössischen Reise durch Italien, bei der naturgemäß auch die Liebe und die Triebe große Rollen spielen, immer wieder ein doppelter Boden geöffnet. Nicht nur die nachgestellten Filmszenen, die Bogdan auf Befehl von Voicu spielt, sondern auch Szenen dazwischen, die die Romanautorin für Bogdan erfunden hat, wirken wie Referenzen an berühmte Bücher - zum Beispiel die von Ovid und des Marquis de Sade - oder Filme. Unter anderem an Alfred Hitchcocks Meisterwerke "North by Northwest" und "Vertigo" fühlt man sich erinnert - zwei Filme, die, so wie auch der Roman, dessen Protagonist Bogdan ist, die Natur der Realität radikal hinterfragen und virtuos mit Schein und Sein jonglieren.

Aber vielleicht, wer weiß das schon, ist all das nur Einbildung, und auch der Eindruck, dass das Buch voller bissiger, kluger und witziger Anspielungen auf die Abgründe des Medien- und Kulturbetriebes ist, nur ein Trugbild.

Als Rezensent, der nach zwei Lesedurchgängen annimmt, auch noch nach dem dritten vor einigen Rätseln zu stehen, würde man die (1963) in Klagenfurt geborene und in Graz lebende Autorin, die mit "Was Augen hat und Ohren" ihren dritten Roman vorgelegt hat, jedenfalls gerne fragen: Frau Wiegele, wie haben Sie das gemacht?