Fritz Güllich ist ein klassischer Hochstapler. Von Kindesbeinen an schlägt er sich mit dem Kampfbeil der Übertreibung und der Selbstüberhöhung durchs Leben. Ob in der Schule, wo er ein Liebesverhältnis mit der Nichte des Lehrers vortäuscht, oder später, während der Studienzeit, die er vor allem in der Bar ums Eck verbringt, wo er sich mit nicht vorhandenen Leistungen profiliert: Stets versteht er es, die Realität über seine ausbleibenden Erfolge mit Wahrheitsbeschönigungen zurechtzubiegen und mit den Blumen der Lüge zu schmücken.

Er landet schließlich, wie sollte es anders sein - und das darf ruhig als leise Gesellschaftskritik verstanden werden - bei der Finanzberatungsfirma seines Bekannten, "Einfach ehrlich. Einfach Hanns". Erstmals hat er hier den Erfolg, der ihm so lange verwehrt blieb. Dass das allerdings nicht lange gutgehen wird, ist so klar wie Hanns unehrlich ist.

Daneben gibt es Bruno Wieland, der mit seiner Frau Veronika in Süditalien lebt und auf den ersten Blick ein Gegenkonzept zu Fritz’ Fantastereien zu liefern scheint. Während seine Frau sich in die Welt der Tomaten vertieft und damit den finanziellen Erfolg des Ehepaares sichert, zieht sich Bruno in die Literatur zurück und fristet sein eigenbrötlerisches Dasein. Doch in einem Moment der Schwäche kann auch er der Versuchung der Lüge um der Selbstdarstellung willen nicht widerstehen, was freilich fatale Folgen haben wird . . .

Die Geschichten dieser zwei Selbstdarsteller werden parallel erzählt, und der Leser wartet eigentlich das ganze Buch über auf den Moment, wo die konstruierte Welt zusammenbricht. Was dann auch passiert - jedoch auf andere Art als erwartet. Nur so viel sei verraten: Christian Schacherreiter zeigt in "Lügenvaters Kinder" Witz und Können auf höchst unterhaltsame Weise. Wenn man das Spiel von Wahrheit und Lüge nicht nur inhaltlich, sondern auch formal zu bedienen versteht, ist das schon ziemlich hohe Kunst. Felix Krull grüßt aus der Ferne.