Die in Leipzig lehrende Germanistik-Professorin Monika Ritzer setzt sowohl Privatleben als auch Werkentstehung in ein neues, klareres Licht. Nach textkritischen Editionen der Tagebücher und einzelner Dramen spürt die in Leipzig lehrende Philologin auf über achthundert Seiten dem ausgeprägten Individualismus und Sendungsbewusstsein des evangelischen Autors nach. Sie analysiert Hebbels diffiziles Verhältnis zu seiner ersten Partnerin Elise, deren drei Kinder allesamt früh verstarben. In Wien führte der Autor eine harmonische Ehe mit der Schauspielerin Christine Enghaus, die in zahlreichen Fotografien im Theatermuseum präsent ist.

Der Sprachvirtuose hinterließ ein breites, eindrucksvolles Werk, das Eingang in bürgerliche Wohnzimmer fand. Aus Wiener Sicht ist der kometenhafte Aufstieg des Autors in der Residenzstadt der Habsburger von Interesse, in der er abgerissen und verarmt, aber auch familiär entwurzelt im November 1845 angekommen war.

Beinahe hätte Hebbel nach einigen Terminen das Handtuch geworfen, doch eineinhalb Jahrzehnte später stand er als geehrter Nationaldichter mit Zweitwohnsitz in Orth am Traunsee im Zenit der Karriere. Dazwischen lagen auch bittere Tage wie der Verlust seines ersten Sohns Max und weiterer Kinder. Einen frühen Tod fand der während Hebbels Abwesenheit geborene Sohn Christian, der von der früheren Gefährtin Elise stammte und nur wenige Monate vor dem erstgeborenen Sohn Emil seiner Gattin Christine im Winter 1846 starb. Das "Patchwork" verwandelte sich angesichts gemeinsamer Trauer in Freundschaft, Hofschauspielerin Christine erklärte sich bereit, die frühere Gefährtin in Wien aufzunehmen. Damit war auch die Lebenskrise des Autors überwunden.

Selten gespielt

In Wien wird Hebbel nur selten aufgeführt, so etwa die "Maria Magdalena" in der Saison 2013/14 am Burgtheater. Eine komprimierte Fassung der "Nibelungen" zeigten begabte Studierende des Reinhardt-Seminars auf der Probebühne der Josefstadt im Jahr davor. Heute liest kaum jemand mehr die Gedichte und Prosa des Autors, dessen Aphorismen, die er als Tagebücher "tarnte", sehr prägnant sind, wie zum Beispiel die lapidare Feststellung: "Die Masse macht keine Fortschritte".

Monika Ritzers neue Biographie lädt nun dazu ein, Leben, Werk und Zeitgenossen des selbstbewussten Individualisten näher kennenzulernen.