Spiritualität ist nach wie vor en vogue, die katholische Kirche allerdings vielen Zeitgenossen wurscht. Vielleicht mit einer Ausnahme: Maria. Sie lässt keinen kalt: Für glühende Verehrer ist sie die Mutter Gottes, für laue Skeptiker bestenfalls die Mutter des Menschen Jesu und für hitzige Gegner ein gefährlicher Götze. Wer aber ist sie für einen, der schon von Amts wegen eine besondere Beziehung zu ihr hat: für den Papst? Dass Franziskus zur Gruppe der Verehrer zählt, wird nicht sonderlich überraschen. Aber welches konkrete Bild von Maria hat das Oberhaupt der katholischen Kirche?

In seinem neuesten Buch beantwortet Franziskus diese Frage recht umfassend. Der Text ist großteils als Interview gehalten. Als Gesprächspartner fungierte der Gefängnisseelsorger Marco Pozza. Stück für Stück arbeiten die beiden das "Gegrüßet seist Du, Maria" durch. Dabei verführt die häppchenweise Darbietung des Stoffes zu einem Nur-noch-ein-bisschen-Weiterlesen - bis am Ende die ganze Sache in gut zwei Stunden erledigt ist. Man erfährt dabei allerhand über Maria, mindestens ebenso viel aber über Franziskus.

"Spirituelle Verwaisung" und "Revolution der Zärtlichkeit"

Der medienaffine Papst versteht es meisterhaft, durch provozierende Formulierungen Interesse zu wecken. So ist von einer "Sünde der Elite", einer "spirituellen Verwaisung", einer "Revolution der Zärtlichkeit" und einer vom französischen Schriftsteller Joseph Malègue entlehnten "Mittelschicht der Heiligkeit" die Rede. Berührend auch, wenn Franziskus auf die Frage "Was sieht ein Papst, wenn er Maria in die Augen blickt?" Einblick in sein persönliches Beten vor dem Bild "Maria Salus Populi Romani" ("Maria, Heil des römischen Volkes") in der Basilika Santa Maria Maggiore gewährt.

Schließlich auf Seite 80 die Schlüsselstellen des Buches: "Die Verehrung der Mutter Gottes ist keine spirituelle Anstandsregel, sie ist eine Notwendigkeit christlichen Lebens." Und: "Damit der Glaube nicht zu einer reinen Idee oder Leere verkommt, brauchen wir alle ein Mutterherz (wie Maria, Anm.), das die Zärtlichkeit Gottes bewahrt und die Regungen des Menschen wahrnimmt."

Der Stil des amtierenden Papstes ist nicht so theologisch glasklar wie der des emeritierten. Franziskus, er äußert sich eher poetisch. Dem marianischen Thema ist das aber sehr angemessen.