Im Dezember 1866 meldete sich Melville, Herman zum Dienst als Zollinspektor Nr. 75 beim Zollamt der Vereinigten Staaten im Hudson-River-Hafen in New York. Seine Arbeitszeit: Montag bis Samstag. Sein Verdienst: pro Tag vier Dollar. Kurz zuvor hatte er einen ersten Gedichtband, "Battle-Pieces and Other Aspects of the War", herausgebracht, in ganz kleiner Auflage, der Druck bezahlt von Verwandten. Es sollten noch drei Lyrikbände folgen, einer weniger gelesen als der nächste.

Zog er sich, so der lang genährte Mythos, ins Schweigen zurück? War Melville ein untergegangener Roman-Kontinent? Nicht ganz. 1867 - also in jenem Jahr, in dem seine Ehe den Tiefpunkt erreichte und in dem sich sein ältester Sohn zu Hause erschoss (sein zweiter Sohn sollte 1886 einsam und elend in Kalifornien sterben) - begann er "Clarel", ein Poem mit 18000 Gedichtzeilen. Fast neun Jahre schrieb er daran.

Statistisch gesehen: fünf Zeilen jeden Tag. Es ist eine quälende metaphysische Suche eines amerikanischen Studenten, der die "Unfruchtbarkeit Judäas" bereist. Im Heiligen Land geht die Hauptfigur gegen die unheilige Leere an - so wie der Zollinspektor Melville abends am Schreibtisch, mit seinen chronischen Rückenschmerzen und massiven Stimmungsschwankungen.

Während er im Januar 1876 über den Korrekturfahnen saß, schrieb Ehefrau Lizzie in einem Brief, Herman "befindet sich in einer so furchtbaren geistigen Verfassung & ist gerade jetzt zusätzlich so sehr belastet, dass es mir wahrhaftig angst macht, irgend jemanden hier zu haben, weil ich fürchte, das könnte ihn vollständig aus der Bahn werfen, so dass er nicht mehr fähig wäre, die Drucklegung seines Buchs weiter zu überwachen." Wegen seiner ungebärdigen Manieren bei Tisch - der starke Esser schaufelte Riesenportionen an Erdäpfeln in sich hinein und sprach mit vollem Mund - luden seine Töchter niemanden mehr ein. Im Juni 1876 erschien "Clarel". Auflage: 350 Exemplare. 120 Stück wurden verkauft. 1879 wurde der Rest eingestampft.

Ab 1866 fuhr Melville fast zwanzig Jahre lang sechsmal morgens von seinem Haus mit der Pferdebahn den Broadway hinunter, dann nach Westen, stieg aus und ging durch die Hafenanlagen am Hudson River entlang zur Battery. Später wurde er an einen Pier am East River in Höhe der 79th Street versetzt und fuhr mit der neuen Hochbahn zur Arbeit.

Grausam knapp

Mit anderen teilte er sich ein Büro in einer Baracke. Seine Aufgabe bestand darin, Sorge zu tragen, dass die Zollgebühren für gelöschte Ladungen bezahlt wurden. Auf Schritt und Tritt begegnete er Korruption. Bei den Kollegen. Bei der Verwaltung. In der Hafen- und Stadt-Politik. Zwei Prozent seines Jahresgehalts musste er an die einflussreiche Republikanische Partei abführen, um seinen Job zu behalten. 1886 konnte er in Pension gehen, seine Frau hatte geerbt. Er begann nach 35 Jahren wieder Prosa zu schreiben. Die Erzählung "Billy Budd" wurde zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht, erst 1921 transkribierte ein Wissenschafter das Manuskript, das 1924 gedruckt wurde. Es ist ein Flickenteppich voller Einschübe, krakeliger Zusätze und Durchstreichungen, alles in schwer entzifferbarer Handschrift.