"Dennoch gibt man ihnen Preise, ganz so, als hätten sie etwas Verdienstvolles geleistet. Das ist merkwürdig." Houellebecq zitierte einen Satz, den der österreichische Autor Thomas Bernhard in einem Text von seinem Freund Paul (den Neffen Ludwig Wittgensteins) sagen hat lassen: "Einen Preis annehmen ist schon eine Perversität, einen Staatspreis anzunehmen aber ist die größte". Bevor Houellebecq am Podium seine Rede hielt, erinnerte Schauspieler Sascha Oskar Weis in einem Prolog an den Staatspreis-Skandal aus dem Jahre 1968, als der Preisträger Thomas Bernhard in seiner Dankesrede die Österreicher u.a. als "apathisch" und "Geschöpfe der Agonie" bezeichnete und der damalige Kulturminister Theodor Piffl-Percevic empört den Saal verließ.

"Aggression akzeptabel machen"

Als er den Text von Thomas Bernhard wieder gelesen hatte, habe er laut lachen müssen, sagte Houellebecq. Erst nach einem nochmaligen Lesen vergehe einem das Lachen, erst dann könne man erkennen, welche aggressive Kraft in ihm steckt. "Einen lustigen Text zu schreiben ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, um eine Aggression akzeptabel zu machen", so der Franzose. Er gab dem Publikum den Rat, sich vor übertriebener Höflichkeit in Acht zu nehmen. "Höflichkeit ist Heuchelei, eine große soziale Tugend. Doch wenn man schreibt, ist sie ein Kunstfehler, den Thomas Bernhard nicht begangen hat. Und ich auch nicht, zumindest hoffe ich es."

Den österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur erhielten zuletzt Patrick Modiano (2012), John Banville (2013), Ljudmila Ulitzkaja (2014), Mircea Cartarescu (2015), Andrzej Stasiuk (2016), Karl Ove Knausgard (2017) und Zadie Smith (2018). Warum heuer Houellebecq ausgewählt wurde, begründete die Jury unter anderem so: Als Schöpfer eines höchst eigenwilligen literarischen Werks sei Michel Houellebecq eine der einflussreichsten Stimmen der europäischen Gegenwartsliteratur. "Seine Texte verraten ein besonderes Sensorium für Fragen von gesellschaftlicher Sprengkraft, wobei er den Konjunkturen des Feuilletons stets vorausgeeilt ist - ob es um die moderne Arbeitsrealität geht, die Möglichkeiten und Gefahren der Gentechnik, die Erscheinungsformen des religiösen Fanatismus, die Kehrseite der sogenannten sexuellen Revolution oder den Verfall des ländlichen Raumes." (apa)