Wien. Der Französische Romancier, Lyriker und Essayist Michel Houellebecq hat am Freitag den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur 2019 in der Stadt Salzburg erhalten. Kulturminister Alexander Schallenberg hat den mit 25.000 Euro dotierten Preis im Solitär der Universität Mozarteum an den Schriftsteller überreicht. Die Laudatio hielt Literaturkritikerin Daniela Strigl.

Der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur wird seit 1965 für das literarische Gesamtwerk eines europäischen Autors verliehen, der international besondere Beachtung gefunden hat. Houellebecq gehört zu den prominentesten und gleichzeitig umstrittensten Schriftstellern unserer Zeit. Um die "political correctness" kümmert er sich wenig - wozu er auch steht. Mit einem "ah...merci", bedankte sich der Franzose heute für den Preis, nachdem er die Urkunde, die ihm Schallenberg feierlich übergeben hat, aufmerksam durchgelesen hatte.

Zuvor hatte Schallenberg in seiner Begrüßungsrede erklärt, "Sinn und Zweck des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur war und ist es, nicht nur die Schöpfer bedeutender literarischer Werke zu würdigen. Er sollte vor allem auch einen Beitrag zur kulturellen Verständigung und zum kulturellen Austausch in Europa leisten". Diese Zielsetzung verliere nie ihre Gültigkeit, sagte Schallenberg zum Publikum, darunter Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein, Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) und die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler.

"Forensiker der Gesellschaft"

Es brauche Vordenker und Mitdenker, sagte der Kulturminister, "gewissermaßen Forensiker der Gesellschaft, die uns auf ihre Art vor Augen führen, dass nichts selbstverständlich ist, dass keine Generation sich einfach ausruhen kann, sondern um den Erhalt ihrer Werte kämpfen muss". Gerade hier würden unbequeme Autoren wie Michel Houellebecq ins Spiel kommen.

Der Autor selbst meinte in seiner Dankesrede, die von einer Dolmetscherin übersetzt wurde, es sei erstaunlich, dass man Schriftstellern Preise verleihe, "als wären sie Wohltäter der Menschheit, obwohl sie es meistens gar nicht sind und nicht einmal vorgeben, es zu sein". Nicht selten würden Schriftsteller nämlich Verachtung nicht nur sich selbst gegenüber, sondern gegenüber der Menschheit als Ganzes empfinden, und viele seien der Ansicht, dass das Verschwinden der Menschheit eher etwas Gutes wäre.

"Dennoch gibt man ihnen Preise, ganz so, als hätten sie etwas Verdienstvolles geleistet. Das ist merkwürdig." Houellebecq zitierte einen Satz, den der österreichische Autor Thomas Bernhard in einem Text von seinem Freund Paul (den Neffen Ludwig Wittgensteins) sagen hat lassen: "Einen Preis annehmen ist schon eine Perversität, einen Staatspreis anzunehmen aber ist die größte". Bevor Houellebecq am Podium seine Rede hielt, erinnerte Schauspieler Sascha Oskar Weis in einem Prolog an den Staatspreis-Skandal aus dem Jahre 1968, als der Preisträger Thomas Bernhard in seiner Dankesrede die Österreicher u.a. als "apathisch" und "Geschöpfe der Agonie" bezeichnete und der damalige Kulturminister Theodor Piffl-Percevic empört den Saal verließ.

"Aggression akzeptabel machen"

Als er den Text von Thomas Bernhard wieder gelesen hatte, habe er laut lachen müssen, sagte Houellebecq. Erst nach einem nochmaligen Lesen vergehe einem das Lachen, erst dann könne man erkennen, welche aggressive Kraft in ihm steckt. "Einen lustigen Text zu schreiben ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, um eine Aggression akzeptabel zu machen", so der Franzose. Er gab dem Publikum den Rat, sich vor übertriebener Höflichkeit in Acht zu nehmen. "Höflichkeit ist Heuchelei, eine große soziale Tugend. Doch wenn man schreibt, ist sie ein Kunstfehler, den Thomas Bernhard nicht begangen hat. Und ich auch nicht, zumindest hoffe ich es."

Den österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur erhielten zuletzt Patrick Modiano (2012), John Banville (2013), Ljudmila Ulitzkaja (2014), Mircea Cartarescu (2015), Andrzej Stasiuk (2016), Karl Ove Knausgard (2017) und Zadie Smith (2018). Warum heuer Houellebecq ausgewählt wurde, begründete die Jury unter anderem so: Als Schöpfer eines höchst eigenwilligen literarischen Werks sei Michel Houellebecq eine der einflussreichsten Stimmen der europäischen Gegenwartsliteratur. "Seine Texte verraten ein besonderes Sensorium für Fragen von gesellschaftlicher Sprengkraft, wobei er den Konjunkturen des Feuilletons stets vorausgeeilt ist - ob es um die moderne Arbeitsrealität geht, die Möglichkeiten und Gefahren der Gentechnik, die Erscheinungsformen des religiösen Fanatismus, die Kehrseite der sogenannten sexuellen Revolution oder den Verfall des ländlichen Raumes." (apa)