Das Jahr 1835 war eines des Umbruchs. In diesem Jahr starben Wilhelm von Humboldt, der deutsche Philosoph und Staatsmann, und der österreichische Kaiser Franz I., der bis 1806 das letzte Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gewesen war. Es war das Jahr, in dem die erste deutsche Eisenbahn in Betrieb genommen wurde, in dem der amerikanische Ingenieur Samuel Colt den Trommelrevolver erfand und in dem Mark Twain geboren wurde.

Für die progressiven jungen Schriftsteller im Deutschen Bund, der 1815 auf dem Wiener Kongress als Zusammenschluss von 34 Fürstentümern und vier freien Städten gegründet worden war, für diese Autoren erwies es sich als ein besonders fruchtbares Jahr. Sie veröffentlichten Essays und Abhandlungen, Novellen und Erzählungen, Romane und Reiseberichte.

Am produktivsten war Karl Gutzkow, der neben seiner journalistischen Tätigkeit sieben selbstständige Veröffentlichungen herausbrachte. Darunter war auch ein Band, in dem er eine "Sommerreise durch Österreich" anschaulich schildert. In Berichten über Reiseerlebnisse und Beschreibungen von Natur- und Kunstphänomenen sind manche politische Anspielungen versteckt: auf das autoritäre System Metternichs, auf Feudalismus, Restauration und Klerikalismus. Gutzkow hatte diese Reise zwei Jahre zuvor mit Postkutsche und Dampfboot unternommen - zusammen mit Heinrich Laube, der dann 1849 für fast zwei Jahrzehnte als Direktor des Burgtheaters nach Wien berufen wurde.

Wirbel um "Wally"

Am meisten Wirbel machte in besagtem Jahr 1835 Gutzkows Roman "Wally, die Zweiflerin". Zunächst schlug die literarische Kritik zu, und zwar mit schwerem Geschütz. Wolfgang Menzel, der nationalkonservative Burschenschafter, widmete dem Buch gleich zwei Ausgaben seines einflussreichen Literatur-Blattes zum Stuttgarter "Morgenblatt für gebildete Stände". Sein Text war eine Ansammlung von Invektiven: "Ungezogenheiten", "Schändlichkeiten", "Obscönitäten", "Gotteslästerungen", "Hurerei", "Laster", "Unglauben", "Entsittlichung", "Gift", "Schlamm", "Verruchtheit" und ähnliche unerfreuliche Eigenschaften wirft er der Titelfigur des Romans (und damit auch dem Autor) vor, in der er wenige Jahre zuvor noch einen "Adjutanten" gesehen hatte.

Mit seiner "Wally" präsentiert Gutzkow eine Mixtur heterogener Formen und Inhalte. Am Beginn geht es in erzählerischer Form vor allem um Liebe und Ehe mit einem Plädoyer für die Emanzipation der Frau. Einen weiteren Schwerpunkt bilden Reflexionen über Religion und Christentum, wobei sowohl gegen die etablierte Kathedertheologie als auch gegen die Komplizenschaft von Kirche und Staat polemisiert wird. Ein angehängter Aufsatz über "Wahrheit und Wirklichkeit" hilft dem Buch knapp über die Zwanzig-Bogen-Grenze: Bände mit einem Umfang über 320 Seiten mussten den Zensurbehörden vor der Veröffentlichung nicht vorgelegt werden.