Sheila Heiti bei einem Vortrag im Jahr 2013. - © Archiv
Sheila Heiti bei einem Vortrag im Jahr 2013. - © Archiv

Mit ihrem Buch "Mutterschaft" macht die kanadische Autorin Sheila Heti gerade von sich reden (Rezension in der "Wiener Zeitung" 15. 7. 2019). So mancher mokiert sich darüber, wie schonungslos diese Frau (eine Frau!) ihre widersprüchlichen Gefühle zu diesem Thema ausspricht. Mut zur Offenheit hat Heti aber auch schon mit anderen Romanen bewiesen. Es ist an der Zeit, einen davon vorzustellen. "How Should a Person Be?" galt 2012 bei seinem Erscheinen in den USA als literarische Sensation.

"Wie sollten wir sein?" - Der Titel lässt Schlimmes befürchten. Aber nein, das Buch liegt in der Abteilung für Belletristik, nicht im überquellenden Regal für Lebensratgeber. In ihrem sehr autobiographischen Roman erzählt Sheila Heti von der ewig weiblichen Suche nach Anerkennung.

Sheila hängt fest. Sie arbeitet an einem Theaterstück über Freundschaft, aber ihre eigenen Probleme versperren ihr die Sicht. Eigentlich, so ist die junge Frau zutiefst überzeugt, schlummert etwas Hässliches, Faules in ihr.

"Ständig zog ich mich in Zweifel, ständig änderte ich meine Meinung. Ging den falschen Weg zurück, machte mich dann auf dem hoffentlich richtigen erneut auf. Das Schicksal wurde wie ein undurchschaubarer, fordernder, kommunikationsgestörter Elternteil, und ich war sein Kind, immer bemüht, ihm zu gefallen und herauszufinden, was es von mir wollte. (. . .) Wie sollte ich sein?"

Je geringer sich Sheila selbst bewertet, umso mehr erlaubt sie es anderen Menschen, über sie zu verfügen. Sie wünscht sich doch nur, dass ihr endlich einer widerspricht, aber nein. Immer wieder gerät Sheila an Männer, die ihre Selbstzweifel bestätigen und ihr sagen, wie sie zu sein hat. Sheila verzettelt sich in unbefriedigenden Beziehungen. Sie leidet unter dem Verlust ihrer Ehe - ohne jedoch den dazugehörigen Ehemann zu vermissen. Sie lässt sich auf eine erniedrigende Sex-Affäre ein. Eines Tages stellt sie fest, dass sie das Wort Seele, soul, permanent falsch schreibt, nämlich "sould". - Was das wohl zu bedeuten hat?

Erst aus der Freundschaft mit der selbstbewussten Malerin Margaux kann Sheila wieder Kraft gewinnen. Sie zeichnet die Gespräche mit Margaux auf Tonband auf und übersieht dabei, dass sie Grenzen überschreitet. Margaux will nämlich kein Versuchsobjekt sein, sie fühlt sich von Sheila bloßgestellt und verletzt. Sheila wächst an diesem Konflikt, sie erkennt, dass nur eines schlimmer ist als das Scheitern: die Resignation. "Ich hatte noch nie eine nettere Freundin (. . .) oder eine schwierigere", sagt Margaux schließlich. Genau so soll Sheila sein.

Dokumentation

Vieles an diesem Roman ist sperrig. Die Dialoge sind sprunghaft und willkürlich, manchmal auch belanglos. Dies alles ist der Authentizität geschuldet. Im Abspann verweist die Autorin zwar auf die Fiktion - die Eckdaten stimmen dennoch mit der Realität überein: Sheila Heti trägt denselben Vornamen wie ihre Protagonistin, sie ist auch gleich alt und lebt wie diese in Toronto. Ihre Freundin Margaux ist auch im wirklichen Leben Malerin, sogar das Tonband gibt es. Der Roman liest sich streckenweise wie eine Dokumentation - gerade das macht ihn lesenswert.