Deutlich ambitionierter kommt der von dem italienisch-deutschen Duo Federico Italiano und Jan Wagner herausgegebene Band "Grand Tour" daher (Hanser, 2019). Er verspricht auf gut 500 Seiten "Reisen durch die junge Lyrik Europas". Das lyrische Europa ist selbstverständlich deutlich größer als das der EU, es entspricht dem Kontinent des Eurovision Song Contest und reicht von Russland bis Israel, von Island bis Arme-nien. Letztgenanntes Land ist neben Andorra als einziges mit nur einem Dichter vertreten, während etwa die baltischen Staaten offenbar über Unmengen an junger Poesie verfügen (wobei einige Autoren in diesem Band so taufrisch nicht mehr sind).

Und so taucht man ein in dieses Füllhorn an lyrischen Stimmen, entdeckt viel Unbekanntes und manch Schwaches, aber richtige Begeisterung will sich nicht einstellen. Was vor allem irritiert, sind die Gewichtungen. Frankreich etwa ist für seine Größe recht schwach vertreten, während der angelsächsische Raum und einige osteuropäische Länder deutlich überrepräsentiert sind. Unklar bleibt auch, warum von manchen Autoren bis zu vier Gedichte aufgenommen wurden, im Falle Deutschlands aber sämtliche Dichter nur mit einem Text vertreten sind.

Durchaus lobenswert ist das Bemühen, die sprachliche Vielfalt vieler Länder abzubilden, aber gerade dadurch fallen auch die vielen Lücken in diesem Bereich auf. Warum wurde für Österreich der Französisch schreibende Fiston Mwanza Mujila aufgenommen, aber niemand, der seine Gedichte auf Slowenisch oder Kroatisch verfasst? Antworten darauf bleiben die Herausgeber in ihrem teils blumigen, teils bürokratischen Vorwort schuldig (von den einleitenden Texten zu den einzelnen Reisen ganz zu schweigen, die sind von blamabler Einfalt), und so wirkt der Band eher wie eine Wundertüte denn eine Wunderkammer, eine Art Eurovision Poem Contest, bei dem am Ende alles irgendwie von irgendwo stammen könnte.

Ja, in Europa werden viele interessante Gedichte über so ziemlich alles geschrieben. "Die Dichterinnen und Dichter sämtlicher Länder des Kontinents überqueren mit beglückender Selbstverständlichkeit nationale wie sprachliche Grenzen, lassen sich beeinflussen von den Traditionen der näheren und entfernteren Nachbarn"; genau das aber demonstriert dieser Band nur bedingt, weil er die nationale Zuordnung eben nicht auflöst zugunsten einer europäischen Sprache der Poesie und es allein dem Leser überlässt, poetische Korrespondenzen in Europa herzustellen.