Anders als bei der erzählenden Literatur kann man bei der Lyrik nicht wirklich von einer Flut an Neuerscheinungen sprechen, die jährlich über die Gedichtfreunde hereinbricht. Trotzdem ist es auch auf dem Feld der Poesie nicht ganz leicht, den Überblick zu behalten über all das, was vor allem kleine und mittlere Verlage an Neuem publizieren. Sehr brauchbare Orientierungshilfe leistet dabei seit einigen Jahren das Projekt der Lyrik-Empfehlungen, das von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stiftung Lyrikkabinett und anderen Institutionen ins Leben gerufen wurde (www.lyrik-empfehlungen.de). Eine Riege aus Kritikern und Autorinnen benennt 20 bis 24 Bücher mit deutschsprachigen oder übersetzten Gedichten und begründet, warum sie das jeweilige Buch für besonders lesenswert hält.

Wer sich vor allem für deutschsprachige Lyrik interessiert, der ist seit 33 Jahren up to date mit dem "Jahrbuch der Lyrik" (Schöffling & Co., 2019). Diese anthologische Institution hat schon zahlreiche Verlage durchlaufen, aber immer nur einen Hauptherausgeber erlebt: den Lektor Christoph Buchwald, der auch schon einmal als "Godfather of the German-speaking poetry annuals" annonciert wird. Er erwählt sich für jede Ausgabe einen Praktiker, der ihm bei der Sichtung der mehreren tausend eingereichten Gedichte zur Seite steht.

In diesem Jahr ist es Mirko Bonné, und die beiden haben aus 8000 Einreichungen eine bemerkenswerte Sammlung erstellt, die bekannte und völlig unbekannte Namen vereint und zwei Schwerpunkte aufweist: Natur- bzw. "Naturzerstörungsgedichte" und Liebesgedichte. Beide Genres erleben offenbar gerade eine Renaissance, wobei das in ersterem Falle durchaus einleuchtet, bei Letzteren aber doch überrascht. Unbestreitbar aber scheint das zeitgenössische Gedicht "ein überaus gelenkiges Geschöpf" zu sein, das in allen Formen und Gegenständen zu Hause ist. Das zeigt etwa Lars-Arvid Brischkes Ode an "das rettende Auch", die auf ganz wunderbare und unangestrengte Weise mit den berühmten Hymnenversen Friedrich Hölderlins spielt. Oder Lydia Dahers subtile Entpathetisierung des Naturgedichts: "Die Dinge schweigen, auch wenn die / Mieten steigen und wenn es hagelt und dein / teurer Wagen Beulen kriegt - / der Hagel bleibt ganz ruhig." Zwei weitere Jahre hat Buchwald dem wackeren Lyrikverleger Klaus Schöffling noch versprochen. Ad multos annos wäre mir ehrlich gesagt lieber.

Deutlich ambitionierter kommt der von dem italienisch-deutschen Duo Federico Italiano und Jan Wagner herausgegebene Band "Grand Tour" daher (Hanser, 2019). Er verspricht auf gut 500 Seiten "Reisen durch die junge Lyrik Europas". Das lyrische Europa ist selbstverständlich deutlich größer als das der EU, es entspricht dem Kontinent des Eurovision Song Contest und reicht von Russland bis Israel, von Island bis Arme-nien. Letztgenanntes Land ist neben Andorra als einziges mit nur einem Dichter vertreten, während etwa die baltischen Staaten offenbar über Unmengen an junger Poesie verfügen (wobei einige Autoren in diesem Band so taufrisch nicht mehr sind).

Und so taucht man ein in dieses Füllhorn an lyrischen Stimmen, entdeckt viel Unbekanntes und manch Schwaches, aber richtige Begeisterung will sich nicht einstellen. Was vor allem irritiert, sind die Gewichtungen. Frankreich etwa ist für seine Größe recht schwach vertreten, während der angelsächsische Raum und einige osteuropäische Länder deutlich überrepräsentiert sind. Unklar bleibt auch, warum von manchen Autoren bis zu vier Gedichte aufgenommen wurden, im Falle Deutschlands aber sämtliche Dichter nur mit einem Text vertreten sind.

Durchaus lobenswert ist das Bemühen, die sprachliche Vielfalt vieler Länder abzubilden, aber gerade dadurch fallen auch die vielen Lücken in diesem Bereich auf. Warum wurde für Österreich der Französisch schreibende Fiston Mwanza Mujila aufgenommen, aber niemand, der seine Gedichte auf Slowenisch oder Kroatisch verfasst? Antworten darauf bleiben die Herausgeber in ihrem teils blumigen, teils bürokratischen Vorwort schuldig (von den einleitenden Texten zu den einzelnen Reisen ganz zu schweigen, die sind von blamabler Einfalt), und so wirkt der Band eher wie eine Wundertüte denn eine Wunderkammer, eine Art Eurovision Poem Contest, bei dem am Ende alles irgendwie von irgendwo stammen könnte.

Ja, in Europa werden viele interessante Gedichte über so ziemlich alles geschrieben. "Die Dichterinnen und Dichter sämtlicher Länder des Kontinents überqueren mit beglückender Selbstverständlichkeit nationale wie sprachliche Grenzen, lassen sich beeinflussen von den Traditionen der näheren und entfernteren Nachbarn"; genau das aber demonstriert dieser Band nur bedingt, weil er die nationale Zuordnung eben nicht auflöst zugunsten einer europäischen Sprache der Poesie und es allein dem Leser überlässt, poetische Korrespondenzen in Europa herzustellen.