Umfassende digitale Vernetzung und Industrie 4.0 - eine dynamische Entwicklung, die mit ihren noch weitgehend unabsehbaren Auswirkungen oft für Besorgnis, Verwirrung und Zukunftsängste sorgt. Zur Entspannung sollte man vielleicht einmal nachlesen, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts los war. Am besten bei der niederländischen Autorin Marente de Moor, die sich des Themas der technischen und damit auch gesellschaftlichen Zeitenwende in ihrem Roman "Aus dem Licht" auf unterhaltsame Weise annimmt.

Mit Verve und sprachlicher Virtuosität entwirft die 1972 (als Tochter der Schriftstellerin Margriet de Moor) in Den Haag geborene Autorin ein vielschichtiges Szenarium, das u.a. vom französischen Erfinder Louis Aimé Augustin Le Prince handelt (im Roman heißt er Valéry Barre). Er drehte laut Technikgeschichte den ältesten erhaltenen Film der Welt.

Thomas Alva Edison und die Brüder Lumière waren später dran, heimsten aber den Ruhm ein, nicht zuletzt deshalb, weil Le Prince spurlos verschwand, noch ehe er seine Erfindung zum Patent anmelden konnte. De Moor versieht diese zentrale Figur ihres Romans mit einem anderen Namen. Damit eröffnet sie sich literarisches Potential, das sie gekonnt ausschöpft.

Aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt sie die Geschichte des ehrgeizigen Wettlaufs von Erfindern in Europa und Amerika, die mit dem Kopf ihrer Zeit weit voraus sind, aber mit einem Bein noch im 19. Jahrhundert stehen und zum Beispiel an spiritistischen Sitzungen teilnehmen bzw. an Gespenster glauben. Besonders unterhaltsam liest sich die Schilderung von Edisons Frau Minna und deren schonungslosem Blick auf ihren erfolgreichen Mann, der ständig unter Hochdruck steht, sich u.a. die Erfindungen Anderer zu eigen macht, diese verbessert und zum Patent anmeldet. So beansprucht er auch die Erfindung des Films für sich.

Als eines Tages der Sohn des "richtigen" Erfinders Valéry Barre bei den Edisons auftaucht, geraten diese aus dem Gleichgewicht.

Wie übrigens die ganze Gesellschaft, denn der Glaube an den Fortschritt geht stets mit dem Zweifel an dessen Sinnhaftigkeit einher. Zum Beispiel, wenn ein (technikkritischer) Pfarrer angesichts der Erfindung des Films sinniert:

"Der Mensch von heute schaut sich sogar seine eigene Kacke an, wenn sie nur groß genug gezeigt wird. Wenn er einen Baum auf dem Feld stehen sieht, denkt er nicht an seine Erfahrung von Bäumen, sondern an Bilder von Bäumen. Solange die Dinge nicht von Künstlern oder Fotografen festgelegt wurden, laufen alle einfach dran vorbei. Wenn nicht irgendein Idiot ein Kärtchen dran heftet und es haarfein erklärt, haben die Leute keine Ahnung, was sie sehen. Wo soll das hinführen?"

Vielleicht zum Menschen des 21. Jahrhunderts, der mit all seinen Hoffnungen, Ängsten und Befürchtungen dem Menschen des 20. Jahrhunderts doch sehr ähnelt - was Marente de Moor mit subtilem Humor in ihrem ebenso interessanten wie amüsanten Roman brillant auszuführen versteht.