Im Vorjahr erschien Fernando Aramburus großer Roman "Pa-tria" auf Deutsch. Darin erzählte der 1959 im baskischen San Sebastián geborene Schriftsteller, der seit rund dreißig Jahren in Deutschland lebt, anhand der Geschichte zweier ursprünglich befreundeter Familien, wie der Terror der baskisch-nationalistischen Untergrundorganisation ETA das Zusammenleben im Baskenland vergiftete. Nun ist ein schmaler Roman auf Deutsch erschienen, der ebenfalls multiperspektivisch und stark autobiografisch gefärbt die Vorgeschichte der Familie des Attentäters aus "Patria" gemächlich entfaltet.

In "Langsame Jahre" (spanisches Original 2012) kann sich die alleinerziehende Mutter des Erzählers nicht mehr selbst um ihre drei Söhne kümmern und schickt den achtjährigen Txiki vom Dorf in Navarra zu ihrer Schwester und deren Familie ins Baskenland. Txiki wächst nun während der bleiernen sechziger und siebziger Jahre unter Franco in einem Arbeiterviertel San Sebastiáns auf. Exemplarisch für viele baskische Familien hat die Frau das Sagen, der Mann schweigt, und die Kinder suchen zwischen Perspektivlosigkeit, unterdrückter baskischer Identität und geheimen ETA-Aktivitäten ihren Weg.

Aramburus Figurenzeichnung ist wieder prall und saftig: Txikis nicht besonders hübsche Cousine Mari Nieves fängt sich mit ihrem riesigen Appetit auf Essen und Sex jede Menge Schwierigkeiten ein. Und ihr Bruder Julen, der sein Zimmer mit Txiki teilt, hält den Jüngeren nachts wach - u.a. mit dem Schweißgeruch seiner Füße und Bekehrungsversuchen zum baskischen Patriotismus.

Aramburu spielt zwischendurch immer wieder mit der Rolle des Autors, der wie in mündlich erzählten Erinnerungen zeitlich vor- und zurückspringt und überlegt, was er wie erzählen soll, ob diese Formulierung oder jene Szene treffend ist. Etwa im "Notat (= Kapitel) 21" über die Freunde Julen und Peio, die vom Pfarrer in ETA-Aktivitäten gezogen wurden und im Frühjahr 1969 nach Frankreich fliehen mussten: "Vielleicht ein bisschen zu aufgesetzt, diese Szene, obwohl man nie wissen kann. Sie bleibt notiert, vielleicht ist aus ihr doch noch literarischer Nutzen zu ziehen."

Manchmal spricht das kindliche Ich des Autors den Leser oder den erwachsenen Schriftsteller an. All dies schafft Distanz zur Handlung, wirkt auch betulich und, ja, aufgesetzt. Doch der Autor reflektiert selbst: "Ich bin versucht, wenigstens in Teilen des Romans mit einem kalkuliert behäbigen Stil dieses Gefühl historischen Dahinsiechens deutlich zu machen. Wird das den Leser langweilen?" Ja, ein wenig, möchte man antworten, auch wenn sich so das erstarrte Lebensgefühl in einer Diktatur unmittelbar vermittelt. Diese Sammlung von "Notaten" liest sich wie ein Entwurf für einen Roman, der (mit "Patria") erst noch geschrieben werden soll.