"Erzählung aus dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten" - bereits dieser Untertitel wirkt verdächtig. Die auffällige Betonung des historischen Rahmens könnte man wohl schnell überlesen, würde es sich nicht um eine Geschichte des verschmitzten Erzählmeisters E.T.A. Hoffmann aus dessen Zyklus "Die Serapionsbrüder" handeln.

Als sich dieser eigentümliche deutsche Schriftsteller und Tausendsassa im Jahr 1818 an sein Berliner Schreibpult setzt und zur Feder greift, um die erste deutsche Detektivnovelle zu Papier zu bringen, versetzt er die Handlung bewusst in das Paris des späten 17. Jahrhunderts - "es mochte im Herbst des Jahres 1680 sein" - und lässt ein betuchtes Fräulein, die Magdaleine von Scuderi, eine Serie von brutalen Raubmorden aufklären.

Tatsächlich basiert "Das Fräulein von Scuderi" auf einer historischen Begebenheit, wonach eine erschreckende Anzahl an Adelsmännern von einer Diebesbande (den "Beutel-Schneidern") nächtens gemeuchelt wurde, was in Paris zu einer Atmosphäre der Angst und Hysterie führte. König Ludwig XIV. richtete daraufhin kurzerhand einen Sondergerichtshof ein, die "Chambre ardente" ("glühende Kammer"; zuvor auch als Inquisitionstribunal und als Instrument der Gegenreformation eingesetzt, Anm.), die Hoffmann in seinem Text als unerbittliche Vollstreckereinheit beschreibt: "Das Tribunal nahm ganz den Charakter der Inquisition an, der geringfügigste Verdacht reichte hin zu strenger Einkerkerung, und oft war es dem Zufall überlassen, die Unschuld des auf den Tod Angeklagten kundzutun."

Selbstportrait von E.T.A. Hoffmann (1776-1822). - © Archiv
Selbstportrait von E.T.A. Hoffmann (1776-1822). - © Archiv

Verdeckte Zeitkritik

In so einer vermeintlich fernen Zeit spielt die Erzählung - wäre da nicht dieser Untertitel. Denn jeder aufmerksame Detektiv weiß, dass besondere Betonungen niemals Zufall sind, und bei einem listigen Schriftsteller wie E.T.A. Hoffmann ist rein gar nichts dem Zufall überlassen: So kann der Verweis auf das vergangene Zeitalter als gewollte Finte gelesen werden, um auf verdeckte, ironische Art von der eigenen Zeit zu berichten - in den inquisitorischen Gerichtszügen stecken auch die dunklen Seiten der Französischen Revolution, die Hoffmann in seinen Jugendjahren selbst miterlebte. Eine Zeit, die in Terror ausartete, die ihn prägte.

In der Erzählung herrscht eine im wahrsten Sinne vergiftete Stimmung: In Paris kursierten Gerüchte um die Erfindung eines Giftes, das im Körper nicht nachweisbar ist. Bester Stoff also für eine Krimihandlung - und ein paranoides Gesellschaftspanorama: traue niemandem.