Reflexionen über die Maus. Buchcover (Ausschnitt)
Reflexionen über die Maus. Buchcover (Ausschnitt)

Dass die unscheinbaren Nager den Menschen gefährlich werden können, davon wissen die Getreidebauern aus den Bezirken Mistelbach und Gänserndorf in diesem Sommer 2019 ein Lied zu singen, der sie mit einer regelrechten Mäuseplage konfrontiert.

Auch in der Weltliteratur hat die Maus ihren fixen Platz erobert, nicht nur in Kafkas "Josefine" oder in Grimms Märchen, die unterschiedliche Lebensmodelle der gar nicht so verschiedenen Stadt- und Feldmaus enthalten, sondern auch in einem wunderbaren schottischen Gedicht, in dem es in existenzialistischer Weise heißt, dass wohl geschmiedete Pläne von Mäusen und Menschen oft ins Leere führen.

Mus musculus

Aus der selbst für Anglophone fremd klingenden lyrischen Formel ("the best laid schemes o’ mice an’ men gang oft agley") des Dichters Robert Burns aus dem Jahr 1786 entstand als Zitat der berühmte Novellentitel von John Steinbeck "Über Mäuse und Menschen" aus dem Jahr 1937, dessen Geschichte zwei Jahre später als Film dramatisiert wurde und ebenso sozialkritisch und gehaltvoll ist wie viele der eindrucksvoll vielseitigen Bolz-Werke.

Der 1945 in Wiesbaden geborene, seit Jahrzehnten in Österreich wirkende evangelische Theologe, Philosoph und ehemalige Schulinspektor stellt in seinen neuen "Spiegelgeschichten" die Gattung mus musculus in den Vordergrund, die wir als mäuseartige Lebewesen kennen, hassen oder wie ein Haustier hätscheln. An jede Geschichte schließt sich eine kurze reflektierende Passage, die den märchenhaften oder historischen Inhalt der recht unterschiedlichen Episoden analysiert.

Die Novellensammlung eignet sich besonders als Kranken-, Fe-rien- oder Reiselektüre, da sich der Mäusekaiser zwar als durchgängiges Band durch das Buch zieht, der Einstieg in das reich illustrierte Werk aber auch mittendrin möglich ist. Bolz unterhält den Betrachter mit historischen Mäuse- und Naturdarstellungen, kolorierten Stichen und stimmungsvollen Fotos, die er meist auf Reisen oder im Tullnerfeld, seiner engeren Heimat, anfertigt.

Wie stets nach Genuss von Bolzens abwechslungsreichen Bänden in der bibliophilen Edition Noack&Block, gerät der Leser ins Reflektieren über die Maus als kleines, aber mächtiges Lebewesen. Der Autor bringt bekannte und unbekannte Seiten des Mäuselebens zutage, das er auch ins italienische Höhlengebiet von Positano verpflanzt. Märchenhaft lässt der Autor den Mäusekaiser entlang von Glasfaserkabeln Informationen aus dem weltweiten Netz absaugen, was nicht nur ein originelles Bild darstellt, sondern auch eine tiefschürfende Metapher der Informationsgesellschaft, die nicht merkt, an welchen Ecken und Enden sich unerwartete Mithörer und -seher in die scheinbar sicheren Kommunikationswege einkoppeln.

Zwischen den Mäusegeschichten, in denen ethische Weisheiten in humorvollen Dosen dargebracht werden, bringt Bolz auch Gedanken und Bilder zur reformatorischen Geschichte Wiens ein, etwa zum Klosterneuburger Blutgericht aus 1522, als acht Evangelische, denen ein Aufstand unterstellt wurde, hingerichtet wurden. Dies geschah in jenem Jahr, in dem noch der Reformator Paulus Speratus im Stephansdom predigte.

Wiener Protestanten

Bolz erinnert an jene Wiener Protestanten, die nach dem Verbot, innerhalb der Stadtmauern evangelische Gottesdienste abzuhalten, in die schön gelegene Burg des reformierten Adeligen Jörger ins damals ländliche Hernals auszogen und dies jeden Sonntag wiederholten, sodass die Gegend rund um den Kalvarienberg nur scheinbar ein Hort des Katholizismus war.

Diese Demütigungen und Erschwernisse in einem Jahr in Erinnerung zu rufen, in dem eine Regierung, in der immerhin drei Evangelische saßen, einen in den 1950er Jahren mit gutem Grund eingeführten hohen Feiertag, den Karfreitag, den evangelischen, altkatholischen und methodistischen Mitbürgern wegnahm, gibt dem kleinen, aber feinen Buch auch eine politische Dimension.