Schreiende Marktverkäufer sind zu hören. In verschiedenen Sprachen bieten sie lautstark ihre Waren an. Es riecht nach heißem Fett und Fisch. Ein Sonntagvormittag am Kai der Maas. Der Straßenmarkt "La Batte" in Lüttich hat wieder geöffnet und lockt Einheimische wie Touristen gleichermaßen an. Dutzende Stände spiegeln sich wie kleine Boote im Wasser des Flusses, der die Stadt durchfließt. Nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch Käse, Fleisch, Fisch, da und dort Kleidung und Schuhe liegen aufgebreitet und warten auf Käufer. In engen Verschlägen gackern Hühner und hoppeln Kaninchen herum.

Wer an Belgien denkt, kommt um Hercule Poirot, Jacques Brel, Pommes oder Schokolade nicht herum; ebenso wenig an den weltbekannten Städten wie Antwerpen, Gent oder Brügge, die jedes Jahr Hunderttausende besuchen. Doch die Industriestadt Lüttich liegt abseits der Routen. Nur wenige verirren sich heute hierher, obwohl sie in nur einer knappen Bahnstunde von Brüssel erreichbar ist.

Statue des durch seine "Kommissar Maigret"-Romane berühmt gewordenen Schriftstellers Georges Simenon in Lüttich. - © ullstein bild/CARO/Jan Lederbogen
Statue des durch seine "Kommissar Maigret"-Romane berühmt gewordenen Schriftstellers Georges Simenon in Lüttich. - © ullstein bild/CARO/Jan Lederbogen

Bereits im 8. Jahrhundert wurde die Stadt Bischofssitz. Zu einer ersten wirtschaftlichen und kulturellen Blüte gelangte sie unter Fürstbischof Notger um die erste Jahrtausendwende. Als "Cité ardente", was auf Deutsch übersetzt "feurige Stadt" heißt, ging Lüttich in die Geschichte ein. Damit soll aber nicht die industrielle Vergangenheit gemeint sein, sondern die Kämpfe, die hier zwischen selbstbewusstem Bürgertum und Geistlichkeit im 14. und 15. Jahrhundert tobten.

Waffen und Stahl

Über Jahrzehnte empfingen die rauchenden Fabrikschlote der Stahlfabriken den Besucher. Die Industrialisierung breitete sich von hier auf den Kontinent aus. Noch um die Jahrhundertwende gehörte Lüttich zur wohlhabendsten Stadt Belgiens - auch dank der Weltausstellung, die hier im Jahr 1905 Station machte. In einem halben Jahr kamen weit über fünf Millionen Besucher in die Stadt. Der Traum des Aufschwungs endete in den 1950er Jahren: Kohlegruben und Stahlwerke, die vielen Menschen Arbeit gaben und den Wohlstand
sicherten, mussten schließen.

Heute leben hier über 200.000 Menschen, knapp 500.000 im Großraum. Auf Französisch heißt die Stadt Liège - so wird sie auch von den Bewohnern genannt. Im deutschen Sprachraum ist der Name Lüttich weit verbreitet. Flamen und Niederländer nennen sie Luik. Lüttich liegt im französischsprachigen Landesteil Belgiens, der Wallonie, an der Grenze zwischen romanischem und germanischem Sprachraum. Maastricht und Aachen liegen nicht weit entfernt.

"Lüttich verdient mehr als einen lustlos streifenden Blick", umbeschreibt Georges Simenon in seinem Buch "Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien" seine Heimatstadt. Der mit Abstand bekannteste und erfolgreichste belgische Schriftsteller offenbart in dieser kurzen, pointierten Aussage seines zu Weltruhm gebrachten Kommissars auch seine Sicht auf die größte Stadt in der Wallonie. Er verließ die Stadt als junger Reporter einer Lokalzeitung, um in Paris als Verfasser unzähliger Romane und Geschichten erfolgreich zu werden und Weltruhm zu erlangen.