Im Inneren des Bahnhofs von Lüttich, der das neue Symbol der Stadt ist.  - © Hannes Mang
Im Inneren des Bahnhofs von Lüttich, der das neue Symbol der Stadt ist.  - © Hannes Mang

Über die Grenzen der Stadt bekannt sind die Waffeln, die auf Französisch und auch in Lüttich Gaufres heißen und hier zusätzlich gerne mit Zucker bestreut werden. Erhältlich sind diese süßen Gaumenfreuden an kleinen Ständen oder in Straßenlokalen. Wer aber Appetit auf mehr hat, braucht nicht lange durch die Stadt zu schlendern. Die nächste Fritterie liegt häufig in Sichtweite. Pommes sind zwar nicht arm an Kalorien, jedoch eine wärmende Mahlzeit, die das unwirtliche Wetter in der kälteren Jahreszeit in Belgien erträglicher macht. Dazu genießen Einheimische gerne ein Bier einer lokalen Brauerei.

"Verbringe ich nur ein paar Tage hier, nehme ich sofort an Gewicht zu", lacht Philippe Walkier. Der 63-Jährige ist zwar Flame, aber in der Stadt aufgewachsen. Gekonnt wechselt er heute zwischen dem Flämischen, dem Französischen und dem Deutschen. Seit 25 Jahren lebt er mit seiner Familie in Wien. Mehrere Wochen im Jahr ist er in seiner Wahlheimatstadt. Philippe Walkier: "Zurück in Wien muss ich dann wieder abnehmen."

Für ihn ist der Place du Perron der schönste Fleck der Stadt. Nur hier spüre er, wie die Stadt "lebt und atmet" und wo sie seiner Meinung nach noch am Urtümlichsten ist. Auch höre er hier manchmal den lokalen Dialekt, der früher an viel mehr Ecken gesprochen wurde. Der genannte Platz befinde sich zwar etwas außerhalb des Stadtzentrums, sei aber auch zu Fuß gut zu erreichen, wie Walkier erzählt.

Lüttich habe sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr stark zum Positiven gewandelt, stellt er fest. Eines der Symbole des Aufbruchs ist etwa der neu gebaute Bahnhof Liège-Guillemins. Überdimensional ragt das geschwungene Dach über den Bahnsteigen. Es ist über 200 Meter lang und erinnert den Ankommenden und Abreisenden an eine Schanze. Allein über 10.000 Tonnen Stahl wurden dafür verarbeitet. Der spanisch-schweizerische Architekt Santiago Calatrava drückte damit der Stadt einen neuen Stempel auf und schuf mit diesem Bauwerk noch dazu einen Anziehungspunkt für Interessierte zeitgenössischer Architektur.

Tunnel als Lagerraum

"Der Bahnhof passt doch gar nicht in die Gegend", war der Wiener Hannes Mang überzeugt, als er ihn nur auf einigen Bildern erstmals sah. Als er allerdings mit dem Zug darin einfuhr, änderte er seine Meinung. Mehrere Stunden hielt er sich an nur einem Tag im Bahnhof auf; wanderte darin auf und ab. Um den Bahnhof zu sehen, nahm Hannes Mang eine über zehnstündige Bahnreise von Wien auf sich. "Mehr von Lüttich kenne ich bis heute nicht." Doch er komme bald wieder, versichert er.

Ein früheres Projekt geriet in die Mühlen der belgischen Bürokratie: In Lüttich hätte ab den 80er Jahren (nach Brüssel und Antwerpen) auch ein U-Bahn-Netz entstehen sollen. Unter der neuen Hauptstraße am Kai der Maas, dort, wo heute sonntags immer der Straßenmarkt stattfindet, wurden bereits mehrere hundert Meter eines Tunnels gebaut. Heute nutzen ihn viele Marktstandler als kühlen Lagerraum. Sogar der Prototyp einer Zuggarnitur wurde an die Stadt geliefert. Eingesetzt wurde diese jedoch nie. Im Verkehrsmuseum der Stadt im Viertel Vennes-Fétinne kann nicht nur die U-Bahn, sondern können auch Verkehrsmittel, die in Lüttich tatsächlich fuhren, besichtigt werden.

Die U-Bahn ist zwar längst Geschichte, doch dem schienengebundenen Verkehr gehört in der Stadt die Zukunft. In wenigen Jahren sollen wieder Straßenbahnen durch sie rollen. Gebaut wird gegenwärtig an einem leistungsfähigen, modernen Netz, dessen erste Linien die bevölkerungsreichen Außenbezirke wie Sclessin und Coronmeuse besser an das Zentrum anbinden sollen.

Es ist halb drei. Das bunte Treiben am "La Batte"-Markt hat ein Ende. Die Marktstandler räumen zusammen; verstauen jede Menge Kisten in ihren kleinen Lieferwägen. Bald überlassen sie die Straße hier wieder dem Autoverkehr. In der Stadt an der Maas hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Sie verdient daher heute mehr Aufmerksamkeit. Simenon und Maigret würden aus dem Staunen nicht herauskommen - nicht nur wegen des neuen Bahnhofs.