Anna Weidenholzer scheint es mit Tieren zu haben. 2010 debütierte die in Linz geborene und heute in Wien lebende Autorin mit dem Erzählband "Der Platz des Hundes", ihr erster Roman, der 2012 erschien, hieß "Der Winter tut den Fischen gut", es folgte "Weshalb die Herren Seesterne tragen" (2016), und auch für ihr neues Buch hat sie wieder einen tierisch-kryptischen Titel gefunden: "Finde einem Schwan ein Boot".

Dazu inspiriert hat sie offenbar eine reale Geschichte. Denn 2006 gab es im westfälischen Münster ein ganz besonderes Sommermärchen zu bestaunen. Verantwortlich dafür war die Trauerschwänin Pe-tra. Sie hatte sich auf dem dortigen Aasee in ein Tretboot in Schwanenform verliebt. "Bald wich die Schwänin ihrem neuen Partner nicht mehr von der Seite, sie verteidigte ihn gegen die weißen Segel der Boote, folgte ihm überallhin. Ihr Partner blieb ruhig. Er schaukelte im Takt der Wellen, wenn sie mit ihm kommunizierte. Er ließ sich durch nichts aus der Fassung bringen, widersprach ihr nicht, er verhielt sich angenehm, war groß und gut auszuhalten."

Bei den Paaren in Anna Weidenholzers Roman geht es nicht ganz so widerspruchslos zu. Aber dass Elisabeth und Peter zusammenleben, scheint eher dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und weniger wahrer Liebe geschuldet zu sein.

Nicht anders ist es bei Karla und Heinz, die sich nur mit Nachnamen anreden. Und die übrigen Protagonisten dieses skurrilen Figurenensembles leben partnerlos-einsam vor sich hin: Peters Schwester Magda, die frisch getrennt ist und sehnsuchtsvoll die titelgebende Schwanengeschichte zum Besten gibt; Herr Fleck, der immer öfter untenrum frei vor dem Fernseher sitzt und regelmäßig in den Aufzug pinkelt; Frau Richter, die alles immer im Blick hat; und die Professorin, die am liebsten allein bei Maria im Café sitzt und ungebeten von irgendwelchen psychologischen Experimenten erzählt.

Schauplatz des Romans ist eine Wohnblocksiedlung in einer namenlos bleibenden Stadt (man darf vermuten, dass es sich um Linz handelt). Erzählt wird aus der Perspektive von Elisabeth, die nachts nicht schlafen kann und stattdessen die erleuchteten Fenster im Haus gegenüber beobachtet. Dabei gehen ihr alle möglichen Geschichten aus dieser Hausgemeinschaft durch den Kopf.

Aktuelle Bezüge

In einem zweiten Erzählstrang, dessen Episoden jeweils mit dem Satz "Was dieses Zuhause ist" beginnen, erfahren wir Näheres über die Beziehung zwischen Elisabeth und Peter. Ein Zuhause finden, heimisch werden, geborgen sein: Diese Sehnsucht eint die Menschen in diesem Mikrokosmos. Und doch ist das Zusammensein stets nur eine Kompromisslösung, nach dem Motto: Zusammen ist man weniger allein. "Das wird unsere Höhle sein, hast du gesagt, als wir die erste Nacht hier gelegen sind. Das Zimmer war leer bis auf das Bett, mein Kopf auf deiner Brust, ich konnte dein Herz schlagen hören. Ich mag es nicht, wie Herzen klopfen, das wusstest du damals schon. Als ob sie sagen möchten, mit jedem Schlag rase ich näher auf das Ende zu, vielleicht aber auch etwas ganz anderes. Herzen sind schwer zu verstehen, und vielleicht ist es gerade das, was mich unruhig macht."

Anna Weidenholzer zeichnet auch in ihrem dritten Roman eine Welt, die irgendwo zwischen urkomisch und reichlich traurig changiert. Ihre Bücher sind nicht wirklich schräg, aber die Weltwahrnehmung ist doch immer eine Spur anders als normal. Daraus erwächst ein scharf und doch liebevoll beobachtetes Gesellschaftsporträt, das die Autorin am Ende allerdings ein wenig verschenkt. Peter nämlich, der Journalist ist, wechselt vom Wetterressort einer Gratiszeitung in die Politikabteilung und wird dort zum autoritären Law-and-order-Verfechter. Was auch Elisabeths Beziehung zu ihm abkühlen lässt. Das zielt natürlich auf die aktuelle Situation in Österreich, doch statt solcherart Abgründe und Entfremdungen subtil zu entwickeln, bleiben sie bloße Behauptung.

Trauerschwänin Petra übrigens war nach zwei Jahren treuer Beziehung urplötzlich verschwunden. Ein paar Jahre später tauchte sie angeblich in einer Vogel-Pflegestation in Osnabrück wieder auf, wo sie einen neuen Partner gefunden hatte. Diesmal war es dann doch ein echter Schwan.