In vielen Märchen spielen Kieselsteine eine entscheidende Rolle, sie führen zu etwas und von etwas weg, sie stehen für Kleines, das Großes enthält. "Kieselsteine" nennt Renate Welsh zwölf Geschichten, die in einem Erzählband vereint sind. Zahlreiche Kinder- und Jugendbücher hat die gebürtige Wienerin (1937 geboren) geschrieben, aber so weit in ihre eigene Kindheit vorgewagt wie in diesem Band hat sie sich vielleicht noch nie. Anstatt von Memoiren zu sprechen, sind die "Kieselsteine" eher funkelnde Erinnerungen, die anhand der eigenen Kindheit das Kolorit einer Epoche anschaulich werden lassen.

Wie persönlich das Buch ist, beweist nicht zuletzt der Umstand, dass die Erzählerin Renate heißt und sehr viele Details mit der Biografie der Autorin übereinstimmen: die Kindheit im Ausseerland bei den Großeltern, die glühende Verehrung des früh verstorbenen Großvaters, der Arztberuf des Vaters sowie vieles mehr.

Die Grundstimmung dieses Buches zielt indes nicht darauf ab, Rechenschaft abzulegen, sondern geliebte Menschen vor dem Vergessen zu bewahren. Nicht chronologische Geschlossenheit ist das Ansinnen, sondern das Erspüren von Stimmungen, die zwischen Verlust und Nähe changieren.

In der Erzählung "Der Pelikan" spielen Kinder Familie, während die Erwachsenen eher Familie-Zerstören spielen. Tassilo - ein Kind mit special needs, wie es heute heißt - wird von der herzensguten Emma versorgt und geliebt. Der Großvater erzählt, dass der Pelikan ein Vogel sei, der sich in Notzeiten die Brust aufreißt, um seine Jungen mit seinem eigenen Blut zu füttern. Als solch selbstloses Wesen beschreibt er Emma, die nicht die leibliche Mutter Tassilos ist. Die Rückkehr des Vaters nach Krieg und Kriegsgefangenschaft bereitet dieser Selbstlosigkeit ein Ende. Und wen der Krieg nicht zugrunde richtet, den richtet die Tristesse und kalte Wut der Nachkriegsjahre zugrunde, könnte der Subtext dieser Episode heißen.

Der Zweite Weltkrieg und die Herrschaft der Nationalsozialisten sind eine Konstante in allen Erzählungen, und die verursachten Deformationen bleiben bis ans Lebensende prägend. Es ist nicht immer nur das große Kriegsdrama, das die Menschen und ihr Zutrauen zueinander zu ruinieren droht. Es ist das Kind, das uns diese Schrecken aus seiner Perspektive wahrnehmen lässt.

Die Darstellung des Großvaters und Vaters, die beide fast in jeder Geschichte präsent sind, ist nicht nur angenehm aufrichtig, sondern auch aufklärend wertschätzend. Es ist eine Hommage an eine Form von Widerstand in gefährlichen Zeiten. Sowieso ist es ein Bekenntnis der Liebe, insbesondere im Text "Was ich dir nie sagen konnte", in dem es heißt: ",Immer wolltest du wissen, was danach kommt‘, sagte ich. ,Jetzt dauert es nicht mehr lange und du wirst es wissen. Aber wie ich dich kenne, wirst du es uns nicht verraten.‘"