Es ist ungewöhnlich warm an diesem Sommerabend im Ostseebad Graal-Müritz. Wir flanieren zu dem Strandabschnitt, wo Franz Kafka erstmals Dora Diamant ins Auge fiel. Der Mann mit den dunklen Haaren saß zusammen mit einer Frau im Strandkorb, Kinder spielten im Sand. Sie wirkten wie eine Familie. Die 25-jährige Dora Diamant war fasziniert von dem geheimnisvollen Unbekannten.

Einmal folgte sie ihm sogar heimlich bis in die Stadt. Er wirkte auf sie elegant und kultiviert, verspielt und heiter. Dora erinnerte sich später: "Als ich Kafka das erste Mal sah, nahm ich sofort wahr, dass sein Bild meiner Idee und Vorstellung vom Menschen entsprach. Aber auch Kafka wandte sich mir aufmerksam zu, als ob er etwas von mir erwartete."

Seebad vieler Autoren

Susanne Graf freut sich über Besucher in der Bäderbibliothek von Graal-Müritz. Sie leitet das Haus und bietet Führungen zu den Schriftstellern an, die das Seebad besuchten. "Das Haus Huter, in dem Dora wohnte, wurde 2007 abgerissen", erzählt Graf. "Es gibt eine große literarische Tradition in Graal-Müritz. Neben Kafka waren auch Hans Fallada, Erich Kästner und Walter Kempowski hier. Daher gibt es schon lange Pläne für ein Literaturhaus, wenn auch noch keine konkreten Ergebnisse." Der Gemeinde mangle es an Immobilieneigentum, nun plane man die Gründung eines Fördervereins zur Realisierung des Literaturhauses.

Unweit der Bibliothek, im Heimatmuseum, kann man im Strandkorb sitzen und dabei die Liebesgeschichte von Dora Diamant und Franz Kafka lesen. Museumsleiter Weyrich konnte vor dem Abriss die Originaltreppe des Hauses Huter retten, die Dora und Franz in ihrem gemeinsamen Sommer auf- und abgingen.

Kafka schätzte Doras scharfen Verstand, ihre Willensstärke. Sie war gesund, jung, hübsch, furchtlos und unkompliziert. Er litt an Tuberkulose, hatte gerade eine Lungenentzündung überlebt. Dora selbst beschrieb sich als "dunkles Geschöpf voller Träume und Vorahnungen, wie aus einem Roman von Dostojewski entsprungen."

All dies gefiel Kafka, auch war er fasziniert vom alten jüdischen Erzählgut (Märchen, Sagen), die in ihren Erzählungen lebendig wurden. Vor allem aber bewunderte er ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Die fünfzehn Jahre jüngere Frau hatte erreicht, was Kafka noch bevorstand: die Befreiung von den emotionalen und seelischen Ketten ihres Elternhauses. In Berlin führte sie ein freies Leben; die Feministin und Sozialistin Clara Zetkin war ihr ein Vorbild.

Franz Kafka war im Sommer ihres Kennenlernens 40 Jahre alt. Der ehemalige Obersekretär der Arbeiter-Unfalls-Versicherungs-Anstalt in Prag war frisch pensioniert. Und er war Schriftsteller. Diamant ahnte nichts von alldem, und noch weniger von seiner Krankheit. Am 10. Juli 1923 war er in Müritz angekommen, um sich an der guten Ostseeluft zu erholen.

Kafka-Biograf Reiner Stach meint, Dora Diamant muss "für den schwerkranken Kafka ein ganz außergewöhnliches Glück gewesen sein"; sie war die Erfüllung seiner Sehnsüchte, seine Hoffnung und Stütze in dieser schwierigen Zeit. Die beiden verband ein großer Traum: die Auswanderung nach Palästina; später entschieden sie sich für ein Leben in Berlin. An seine Ex-Freundin Milena Jesenská schrieb Kafka, mit ihm sei "etwas Großes" geschehen: "ich war mit Hilfe meiner ältesten Schwester an die Ostsee nach Müritz gefahren. Weg von Prag immerhin, aus dem geschlossenen Zimmer hinaus."

Das Hotel "Haus Glückauf", in dem Kafka wohnte, gibt es nicht mehr. An seiner Stelle steht nun ein Mehrfamilienhaus. Rechts von diesem würdigt eine Gedenktafel den berühmten Besucher: Franz Kafka "weilte den letzten Sommer seines Lebens (von Anfang Juli bis zum 8. August 1923) in Müritz", steht da zu lesen.

In unmittelbarer Nachbarschaft lag die Ferienkolonie des Berliner Jüdischen Volksheims. Dort wohnte und arbeitete Dora. Sie hütete die Kinder, half in der Küche. In einem Brief an Hugo Bergmann schrieb Kafka: "Durch die Bäume kann ich die Kinder spielen sehn. Fröhliche, gesunde, leidenschaftliche Kinder. Ostjuden, durch Westjuden von der Berliner Gefahr gerettet. Die halben Tage und Nächte ist das Haus, der Wald und der Strand voller Gesang. Wenn ich unter ihnen bin, bin ich nicht glücklich, aber vor der Schwelle des Glücks. [. . .] Heute werde ich mit ihnen Freitag-Abend feiern, ich glaube zum ersten Mal in meinem Leben."

Unvergessliche Stunden

Am Abend des 13. Juli 1923 kam Kafka auf Einladung von Tile Rössler ins Volksheim. Tile war ebenfalls verliebt in Kafka. Nach der Abreise schrieb ihr Kafka: ". . . alle Menschen im Heim sind mir sehr lieb, viel lieber, als ich es ihnen zu zeigen imstande bin, und besonders Dora (. . .) ist ein wunderbares Wesen." In der Küche begegnete er Dora, die gerade Fische ausnahm. "So zarte Hände, und sie müssen so blutige Arbeit verrichten!", sagte er zärtlich.

Von da an trafen sich Dora und Kafka täglich. Sie spazierten zum Strand, saßen im Strandkorb und blickten auf die See. Unvergessliche Stunden, an die sich Dora in ihrem Tagebuch erinnert, etwa: "Franz hilft Kartoffeln schälen im Volksheim in Müritz", oder "Die Nacht auf der Landungsbrücke".