Sie ist die Fremde - diejenige, die von draußen kommt und eigentlich keine Ahnung hat. Und die dennoch - oder gerade darum - alles wissen will: Ruth Schwarz ist Physikerin und arbeitet im September 2007 in Wien an ihrer Doktorarbeit, als ein Anruf ihr Leben aus den Angeln hebt: Beide Eltern seien bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Nach dem "unhinterfragbaren Willen" der Eltern wollen diese "in Groß-Einland beerdigt werden". Ruth begibt sich auf eine Reise ins Unbekannte. Die amtliche Information, es habe nie eine Gemeinde dieses Namens in Österreich gegeben, hält sie nicht davon ab, im Modus von Schock und Traumverlorenheit im Wechsel-Gebiet herumzukurven, - "eine von Untergipfeln zerfurchte Mondlandschaft (. . .) wie die Oberfläche eines abgeschieden liegenden Planeten".

Bald scheint tatsächlich ein anderer Planet erreicht. "Im zeitlosen Universum liegen alle möglichen Welten in vollkommener Gleichzeitigkeit nebeneinander", kommentiert eine (der auf Zeitforschung spezialisierten Physikerin geschuldete) Stimme aus dem Off.

Was in Raphaela Edelbauers Debütroman als Reise in eine malerische "alte österreichische Stadt" beginnt, ist auch als Reise in die Literatur lesbar. Das über dem Ort gelegene Schloss, in dem eine zwischen Fürsorge und Despotie agierende "Gräfin" herrscht, könnte auch in Kafkas Universum liegen. Und das hochgradig absurde Verwalten der unterirdischen Katastrophe von Groß-Einland - ein gewaltiger Hohlraum unter der Stadt lässt langsam den Boden reißen - vollzieht eine Bürokratie mit kakanischen Zügen.

Was aber ist Groß-Einland? Ein Bild für das unbekannte Universum der Elternwelt? Was wollten die Eltern hier bei ihren angeblich wöchentlichen Besuchen? Als die Gräfin dann Ruth autoritär auf einen Arbeitsplatz an ihrer Seite befördert, wird für Ruth das Ausmaß des Vertuschens und Überdeckens des unterirdisch Bröckelnden immer offensichtlicher. Und sie wird selbst Teil des Systems. "Fünf Stunden täglich wirtschaftete ich in meinen Zetteltürmen, ohne auch nur einen Schritt in irgendeiner Sache vorwärts zu kommen, während gleichzeitig von der Gräfin neue, wahlweise unlösbare oder sinnlose Aufgaben an mich herangetragen wurden."

Die Statue der Iustitia reißt entzwei, der Kirchturm stürzt ein, ein Kind verschwindet im Loch: Wie viel muss noch reißen und stürzen, damit kein Zement mehr reicht, auf dem sich ein zunehmend bizarrer Alltag etablieren und als Normalität behaupten kann? Der Riss, der durch Ruth selbst geht, wird ein totaler: einerseits Verbündete der umfassenden Verdrängung, findet sie zugleich immer mehr heraus über hunderte Zwangsarbeiter, die in den Untiefen von Groß-Einland verschwanden. Alles Land aber wurde von einer Großindustriellen aufgekauft, die sich solcherart selbst als "Gräfin" nobilitierte.

"Ich hatte ein unbändiges Bedürfnis nach Anklage", bekennt Ruth, doch die Anklage wird gegen sie selbst gewendet: ",Was weiß der Teufel, warum da ein paar Leichen liegen, es war Krieg’", fährt ein Groß-Einländer sie an; "Und Sie greifen das noch einmal auf, Ihre Generation ja am allerliebsten. Weil Sie nie aufbauen mussten."

Verstörend vertraut

Während die Erde von unten nach Groß-Einland greift, rüstet man sich oben zum gigantischen Fest, um nicht zuletzt die physikalische Lösung des Problems zu feiern. Die ambitionierte, höchst kunstvolle Mission aber zu einem plausiblen Ende zu führen, gelingt weder Ruth noch der Autorin. Weil dies nicht gelingen kann? Krimihaft spannend, literarisch vielstimmig und anspielungsreich sowie sprachlich souverän führt Raphaela Edelbauer durch ein so magisches wie unheimliches Universum, das verstörend vertraut scheint: Kennt man es nicht von der realen politischen Bühne im Umgang mit düsterer Vergangenheit? Mit einer vielleicht düsteren Zukunft, Stichwort Klimawandel? Wie stellen wir uns selbst dazu? Der beachtliche Debütroman steht sowohl auf der Longlist für den Deutschen wie den Österreichischen Buchpreis 2019.