Der Wiener Thomas Stangl feiert in lyrischen, irritierenden Erzählungen das Groteske und Surreale der menschlichen Existenz. In "Die Geschichte des Körpers" fließen Körperlichkeit und Erinnerung ineinander und trotzen häufig der Vergänglichkeit und dem Tod.

Der Fuß des Vaters "gleitet aus, rutscht vom Bürgersteig, wird zum Stein: ein schönes schwarzes Ding, das durch kleine Poren atmen kann". Die erwachsenen Kinder schauen den alten Vater mit großen Augen an. "Sein Kopf fällt in den Nacken, sein Mund steht offen: die Tiere schwimmen in dem gärenden Wasser in seinem Rachen. Er hat immer von den Tieren gewusst, hat immer von ihnen geträumt." Es gibt niemanden, den seine Kinder über den Tod des Vaters informieren könnten. Offenbar auch nicht mehr Anna, eine Figur, die in "Wir müssen den Vater forttragen" wie auch in anderen Geschichten von Thomas Stangls erstem Erzählband auftaucht, einer Sammlung von 30 Prosaminiaturen, die der Autor sehr locker miteinander verflochten hat.

Ob in den Geschichten der Erzähler immer derselbe ist und wann und wo sie spielen, bleibt nebulös. Das gilt auch für all die Leute, die in der Geschichte "Monster" eine Zeitlang in Annas Haus auf engstem Raum leben: Abends gehen sie vors Haus, um auf die Monster zu warten, die dann öfter bis ins Haus vordringen und unvermittelt wieder verschwinden. Mussten all diese Menschen in Annas Haus untertauchen? Und warum warten sie auf die Monster? Ist es nur ein Spiel, eine Art Fasching? Immerhin hat Anna sich einen falschen Bart umgebunden. Es macht Spaß, als Leser ständig irritiert an einer Kreuzung zu stehen und, begleitet von Stangls lyrischem Sound, den vielen Fährten des Autors und den surrealen Bildern, die im eigenen Kopf entstehen, zu folgen.

Die poetische, traumwandlerische Sprache untermauert die Losgelöstheit von Ort und Zeit, das Verschwimmen von Charakteren und Perspektiven und die Aufhebung von Gewissheiten und Materiellem wie dem menschlichen Körper. Das chaotisch wirkende Sinnen über die Endlichkeit unseres Daseins wird häufig von erstaunlicher Heiterkeit getragen.

Der Fluss der Erinnerung strömt aus den Körpern der Figuren. In den Köpfen berühren sich Nagelspitzen und erzeugen eine Vibration. Lockige Haare werden von Fahrkartenkontrolleuren berührt, es wird von Autounfällen und offenen Wunden (und überhaupt viel) geträumt und Tauben auf dem Fensterbrett, die ihren Freund aus einer anderen Zeit besuchen, hören "widerwärtige Körpergeräusche; das Keuchen und Würgen, die Blähungen".

Einige Erzählungen sind nicht einmal eine Seite, andere bis zu 14 Seiten lang. Zu Letzteren gehört "Die Toten von Zimmer 105". Für diese recht geradlinig und prosaisch erzählte, sehr heutige Geschichte erhielt der vielfach ausgezeichnete Stangl dieses Jahr den "Wortmeldungen-Literaturpreis". Der Inhalt: Ein Pfleger auf einer Demenzstation fühlt sich wie in "einem endlosen gemeinsam durchlebten und gemeinsam vergessenen Traum oder einem immer wiederholbaren Film, aus dem nur einige finstere Tage und Wochen, einige quälende Szenen herausfallen." Sein idyllisches Bild von der Station ist wesentlich bestimmt vom freundlichen Zimmer 105. Dort lebten Frau Lapinski und Frau Hönig, "die auf völlig unterschiedliche Art beide sanft verrückt waren", wie fast alle Heimbewohner kaum miteinander sprachen, ihm gegenüber jedoch immer ruhig und freundlich waren. Nach dem Tod von Frau Hönig erzählt ihre Nachfolgerin in dem Zimmer, Frau Petters, dem Pfleger, Frau Lapinski hätte ihr einst den Mann ausgespannt.

"Jeder bewohnt seinen eigenen Bild- und Erinnerungsraum, legt Folien übereinander, tauscht Positionen aus, passt Figuren ein, es ist schon wie im Himmel oder in der Hölle", schreibt Stangl. "Es ist der Himmel und es ist die Hölle." Niemand stirbt wirklich, Perspektiven wechseln, Wahrnehmung überträgt sich, Körper lösen sich auf. Das Spiel geht immer weiter und Stangl schafft einen ganz eigenen Bewusstseinsraum.