Gleich mit ihrem ersten Roman gelang Daniela Krien ein Erfolg: "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" (2011) erzählt atemlos und angstfrei von der obsessiven Liebe einer 15-Jährigen zu einem älteren Mann. Mittlerweile wurde das Buch in vierzehn Sprachen übersetzt. Auch Kriens zweiter Roman, "Die Liebe im Ernstfall", hat es schnell auf die Bestsellerlisten geschafft. Er erzählt die Geschichte von fünf Frauen, deren Lebenslinien sich auf die eine oder andere Art kreuzen: die Buchhändlerin Paula, ihre Freundin, die Ärztin Judith, die Schriftstellerin Brida, die Schwestern Malika und Jorinde. Frauen, die sich ganz unterschiedlich im Leben verorten, heiraten, Kinder bekommen, kinderlos bleiben, sich verlieben, scheiden lassen, arbeiten, mit ihren Eltern hadern und so fort.

Exemplarische Leben

Es sind exemplarische Biografien, Frauenleben, die zeigen, was möglich und was unmöglich ist. Schauplatz des Erzählreigens ist Leipzig, die Stadt, in der die 1975 im ostdeutschen Neu-Kaliß geborene Autorin heute mit ihren zwei Töchtern lebt. Ihren neuen Roman gliedert Krien in fünf Kapitel, für jede der Frauen eines, mit deren jeweiligem Namen beschrieben und aus ihrer Perspektive auf das Leben erzählt. Kein neues Verfahren, aber eines, das Krien hier so reizvoll wie reibungslos vorführt. In klaren, unspektakulär genauen Sätzen bildet sie die Leben ihrer Protagonistinnen nach und offenbart ihr Faible für leidenschaftlich grundierte Liebesgeschichten. Zahlreich die Röcke und Nachthemden, die flugs hochgeschoben werden. "Geist reichte nicht", befindet die sich im Netz nach Männern sehnende Judith, und auch die anderen finden Gefallen an der selbstbestimmten Unterwerfung. Die um Männer und Sex kreisenden Gedanken laufen zuweilen nicht nur heiß, sondern auch leer und fügen dem Klischee der potenten Frau wenig hinzu. Dabei erweist sich Krien abermals als Expertin für seelische Verwerfungen. Den Schmerz, den Eltern ihren Kindern und Kinder ihren Eltern gekonnt zufügen, lotet sie erbarmungslos aus. Dasselbe gilt für geschwisterliche Traumata, jäh endende Paarbeziehungen, die Dämonen der Trauer und schmerzhafte Trennungen. Mit Rück- und Vorausblicken ölt sie den Verlauf ihrer Geschichten und operiert souverän mit mancherlei Auslassung. Die einzige Konstante in dem Buch sind die waghalsigen Sturzflüge der Mauersegler.

"Die Liebe im Ernstfall" ist ein leicht lesbares Buch, was auch daran liegen mag, dass sich die Geschichten aus den Gewissheiten des sogenannten echten Lebens speisen, auch wenn man dem Roman die Heroisierung der Mutterschaft sowie einen leichten Zug ins Reaktionäre attestieren könnte, alles sauber in Figurenrede verpackt, versteht sich.

Enttäuschungen

Wett macht die Autorin das mit Sätzen, die mit der schlichten Schwere einer Grabplatte trumpfen: "Jorinde würde Torben kein zweites Mal heiraten", lautet so ein Satz, der eine Tragödie birgt. All die vorgeführten Schmerzen verdienen das Label "wahrhaftig"; Akte männlicher Grausamkeit nehmen dabei breiten Raum ein.

Das Leitthema, das die fünf Frauen verbindet, ist die abgrundtiefe Enttäuschung über das Leben, wie es sich tatsächlich darstellt: Sie sind enttäuscht über das Einsetzen/Ausbleiben ihrer Mens-truation, über ihre sie ignorierenden Väter, zügellose Männer, mangelnde Wärme und Kommunika- tion. Gewiss, es ist der alte Blues, den Daniela Krien da singt, doch gibt sie ihm neuen Schwung.