Natürlich ist Margaret Atwood schon früher gefragt worden, ob sie nicht eine Fortsetzung ihres Romans "The Handmaid’s Tale" ("Der Report der Magd", 1985) schreiben möchte. Immerhin hat sie das Ende des Buchs offen gelassen und bei nicht wenigen Lesern und vor allem -innen ein ganz und gar nicht wohliges Schaudern hinterlassen. "1999 hätte ich gesagt: Warum sollte ich? Es entwickelt sich alles gut. Aber wir sehen alle, dass Frauenrechte immer häufiger in Frage gestellt werden, also sage ich 2019: Ich sollte!", erzählt die kanadische Schriftstellerin in einem Interview.

Ein wenig wird auch eine Rolle gespielt haben, dass ihr dystopischer Roman durch eine Fernsehserien-Version einen gigantischen Hype erlebt und auch renommierte Schriftsteller das Recht haben, an solch unverhofften Früchten der eigenen Arbeit noch einmal zu naschen. Zumal sie als Beraterin der Serienautoren nun seit Jahren ohnehin wieder tief in der Materie steckt - und auch in der ersten Staffel einen schlagkräftigen Cameo-Auftritt hatte.

Zwei Töchter

Am Dienstag ist nun also "Die Zeuginnen" (Berlin Verlag) erschienen, nach einem Heimlichkeitsgetue, das man sonst nur von Dan-Brown- oder J.K.-Rowling-Neuerscheinungen kennt. Wer sich erwartet, dass Atwood die Geschichte aus dem totalitären Gottesstaat Gilead, einstmals die Vereinigten Staaten von Amerika, in dem Frauen als Gebärmaschinen für unfruchtbare Paare der Oberschicht versklavt werden, kein Eigentum besitzen, ja nicht einmal lesen dürfen, weitererzählt, wird zumindest ein wenig enttäuscht sein. "Der Report der Magd" endet ja mit einer möglichen Flucht einer dieser Frauen - der Hauptfigur June -, aber keiner Aussage darüber, ob sie es ins rettende Kanada geschafft hat.

June, oder wie sie regimetreu nach ihrem neuen Besitzer heißt, Desfred (Offred in der Serie), hat wiederum in diesem Roman nur einen Cameo-Auftritt wie Atwood im TV. Dafür kommen zwei ihrer Kinder als "Zeuginnen" zu Wort. Zum einen Agnes, die ihr schon bei ihrer allerersten Flucht abgenommen wurde. Zum anderen Nicole, ein Mädchen, das in Gilead als eine Art Entführungsopfer angebetet wird, weil es dem Schoß des Vaterlandes entrissen wurde und in Kanada versteckt wird. Dass es sich hierbei um das Kind, das Desfred heimlich mit dem Chauffeur Nick gezeugt hat, weil der Mann, dem sie als Gebärmutterbereithalterin zugeteilt wurde, infertil ist, liegt auf der Hand.

"Die Zeuginnen" spielt 15 Jahre nach dem vorangegangenen Roman, und wer gehofft hat, dass dieses Regime, in dem Verräter zur Abschreckung öffentlich gehängt und hängen gelassen werden, mittlerweile gestürzt wurde, liegt falsch. Nun dauert es aber sogar schon prominenten Protagonisten zu lange, und zwar der dritten "Zeugin" des Romans: Tante Lydia, jener sadistischen "Ausbildnerin", die die Mägde mit ihrer Aufgabe vertraut macht - und auch beim Bestrafen nicht zimperlich ist. Im neuen Buch beschreibt sie ihre Position treffend: "Ich kontrolliere die weibliche Seite ihres Unterfangens mit eiserner Faust im Lederhandschuh im Wollfäustling."

Eine Tante

Anhand von Lydia will Atwood der Frage nachspüren, wie es dazu kommt, dass man sich mit einer grausamen Herrschaft arrangiert. Sie hat freilich nur altbekannte Antworten: Es ist die Angst um das eigene Überleben. Das freilich passt zu Atwoods Standard-Satz, dass sie für ihre düstere Zukunftsvision nichts erfunden habe, sondern sich lediglich an den Unterdrückungs-"Erfindungen" aus 4000 Jahren Menschheitsgeschichte bedient hat. So hat es auch eine schöne Konsequenz, dass die roten Kutten und weißen Hauben mittlerweile eine gewisse Selbständigkeit erlangt haben und als Symbol für Frauenrechte von Demonstrantinnen getragen werden.

Nicht zuletzt ist bei dieser Neuerscheinung eine intertextuelle Herausforderung zu beobachten, die etwa auch "Game of Thrones"-Fans noch bevorsteht: Die Serie hat einen sehr ausgearbeiteten Gilead-Kosmos geschaffen - es ist spannend, wie Atwood sich einerseits eingliedert und sich andererseits ihres Stoffes wieder bemächtigt. Denn manchmal denkt Margaret Atwood angesichts dieses Kontrollverlusts über ihr eigenes Werk: "Komm zurück."