Am Anfang steht das Schweigen. Über Tante Pauline wird nicht gesprochen in der Familie Bast, und das ist umso bemerkenswerter, "da sie als Einzige meiner Familie väterlicherseits nach dem Zweiten Weltkrieg in der untersteirischen Heimat auf tragische Weise zu Tode gekommen war". Es ist, als hätte sie, die Großtante des Schriftstellers und Übersetzers Martin Pollack, nie existiert. "Wollten sie mich als Kind schonen und mir die grausame Geschichte ihres Verschwindens und Todes ersparen? Oder schämten sie sich ihrer, weil sie offenbar keine überzeugte Nationalsozialistin, also in ihren Augen eine Außenseiterin war?"

Als Martin Pollack im Jahr 2004 seinen meisterhaften "Bericht über meinen Vater" veröffentlichte, musste er sich auf schmerzhafte Weise damit auseinandersetzen, dass sein Vater (der 1947 starb, als sein Sohn Martin gerade einmal drei Jahre alt war) nicht nur ein überzeugter Nationalsozialist, sondern auch maßgeblich an der NS-Vernichtungspolitik beteiligt gewesen war. Und nicht nur das. So gut wie alle Männer der Familie Bast, vom Großvater über die Großonkel bis zu den Onkeln, waren mehr oder weniger stark deutschnational eingestellt.

Die in Tüffer (heute Lako) in der Untersteiermark (heute Slowe-nien) ansässigen Basts sahen sich schon unter der Habsburgermonarchie als deutsches Bollwerk gegen alles Slawische, gerieten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in die Defensive, als ihre Heimat dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen zugeschlagen wurde (und einige Basts nach Österreich gingen). Allerdings witterten sie 1941 wieder Morgenluft, als die deutsche Wehrmacht Jugoslawien binnen Kurzem zur Kapitulation zwang. Und selbst nach 1945 frönten manche Verwandte weiter ihrem nazistischen Weltbild.

"Pauline hat sich im Gegensatz zu ihren Amstettner Brüdern nie für den Nationalsozialismus engagiert und ihren slowenischen Landsleuten gegenüber stets loyal verhalten. Sie hat ruhig und zurückgezogen gelebt, eine seltsame, möglicherweise verschrobene Frau, doch immer freundlich und hilfsbereit. Dass ausgerechnet Pauline in den Nachkriegswirren grausam zu Tode kam, ist eine bittere Ironie des Schicksals."

Im Sommer 1945 wurde die 70-Jährige von Partisanen verhaftet und ins Internierungslager auf Schloss Hrastovec (bei Maribor) gebracht. Dort starb sie wenige Wochen später an Auszehrung und Krankheit. Wo genau sie begraben ist, weiß niemand.

Die Großtante, die spät, mit 50, den slowenischen Organisten des Dorfes heiratete und keine eigenen Kinder hatte, ist freilich nur eine schemenhafte Randfigur in Pollacks neuer Spurensuche. Es existieren kaum Dokumente, und Menschen, die sie noch persönlich gekannt haben, leben nur noch wenige. Und so spricht Pollack mehr vom Urgroßvater und Paulines Brüdern, wobei er selbst hier, wie er einräumt, oft gar nichts weiß.

Mutmaßungen und Spekulationen bestimmen diese Spurensuche, und obwohl Pollack ein ausgesprochen skrupulöser Familienforscher ist, der nichts behauptet, was er nicht belegen kann, bleiben viele seiner Erklärungen notgedrungen unbefriedigend und anfechtbar. Das gilt insbesondere bei der Frage, warum die Brüder deutschnationalen Ansichten frönten, während die Schwestern offenbar dagegen immun waren.

Mikrokosmos

Trotzdem ist Martin Pollacks Buch eine bemerkenswerte Studie über einen multikulturellen Mi-krokosmos, der zum Spielball der "großen Geschichte" wird und in dem nationalistisch-völkische Ideologien das Zusammenleben immer wieder nicht nur stören, sondern zerstören. Ständig geht es um Zugehörigkeit, um Identität, um "Wir" gegen "sie". Und selbst wer sich wie Tante Pauline, slowenisch Pavla, nicht diesen Kategorien unterwirft, bleibt von ihren Auswirkungen nicht verschont.

Die Frau, die immer nur am Fenster zu sehen war und ganz selten nach draußen ging, wird eines Morgens von einem blutjungen Partisanen, "fast noch ein Kind", aus ihrem Haus geführt. "Er habe ein Gewehr getragen, das ihm bis zu den Fersen reichte." Die Tante folgt ihm widerstandslos, "ohne zu protestieren und zu zetern, ganz ruhig". Sie kehrt nicht mehr zurück.