Wenn eine der renommiertesten deutschen Märchenerzählerinnen der Gegenwart gemeinsam mit einem preisgekrönten Hollywood-Regisseur (Oscar für "Shape of Water" 2018) ein Buch schreibt, dann ist davon auszugehen, dass das Ergebnis zufriedenstellend ist. Zumindest in sprachlicher und handlungstechnischer Sicht. Ob sich Cornelia Funkes und Guillermo del Toros Leser auch über das Ende von "Das Labyrinth des Fauns" freuen werden, ist eine andere Geschichte - die hier aber auch nicht weiter ausgeführt wird.

Beginnen wir lieber am Anfang: Da ist ein König in einer Märchenwelt, dessen Tochter ungeachtet der Aufsicht durch einen Faun in die reale Welt verschwindet; weiters eine Hexe, die in einem Mühlweiher ertränkt wird; und viele Jahre später ein Kind, das 1944 mit seiner Mutter zum Stiefvater kommt, einem Franco-getreuen Offizier, der irgendwo in den Bergen gegen Rebellen kämpft. Und der schon vom ersten Satz an ein Ungeheuer ist, während der Faun eine zwiespältige Figur abgibt, bei der man zunächst nicht weiß, woran das kleine Mädchen ist, das er - weil es sich um seine Prinzessin handeln muss - von Feen in sein Labyrinth locken lässt, wo sie mehrere Prüfungen bestehen muss, ehe sie wieder in die ihr angestammte Welt geholt werden darf.

Dass das Mädchen Ofelia heißt, lässt den Leser bereits vermuten, wo Funke und del Toro Anleihen genommen haben mögen. Und die beiden verstehen es auch, ihre verschiedenen Handlungsebenen so miteinander zu verknüpfen, dass sich immer wieder neue Kreise schließen. Da bekommt selbst ein Rasiermesser eine ganz besondere Bedeutung, die sich nach und nach erschließt. 

Was die Aufmachung betrifft, so ist von vornherein klar, dass zwar dir Protagonistin ein Kind ist - die Zielgruppe ist aber zumindest jugendlich, wenn nicht überhaupt erwachsen. Denn es wird durchaus heftig, wenn Ofelia etwa einen Kinderfresser überlisten muss oder die Rebellen von den Leuten ihres Stiefvaters niedergemetzelt oder gefoltert werden. Nebenbei erfährt man übrigens auch manches über dieses dunkle Kapitel der spanischen Geschichte. Allen Williams sorgt mit seinen Illustrationen für die passende düstere Stimmung, die sich durch das Buch zieht.

 Neues aus der Reckless-Spiegelwelt

 Wem "Das Labyrinth des Fauns" zu dunkel ist, der kann übrigens sein Glück in einer anderen Märchenwelt Funkes versuchen. Denn die Schriftstellerin war fleißig in den vergangenen Monaten und hat gleich noch ein weiteres neues Buch nachgeschossen: Am 21. Oktober erscheint "Palast aus Glas" mit acht bisher unveröffentlichten Geschichten aus dem Kosmos um Jacob Reckless, ein Vorgeschmack auf den vierten regulären Reckless-Band im Herbst 2020. Allerdings verspricht der Verlag nicht nur die schönsten, sondern auch die schaurigsten Märchen und Geschichten, in denen zum Beispiel der Kamm einer Hexe, eine Gestaltwandlerin und ein Bildhauer vorkommen.