Ist das Versprechen des Lebens eine Leerstelle? Wohin versinkt unaufhörlich, was wir erleben? Und wohin werden, zu guter Letzt, all unsere Gedächtnisse geschüttet, wer ordnet sie wo ein? Wie und wann wurde aus dem Ankömmling, dem Kind, ein uraltes Individuum mit erfundener Geschichte und Namen? Das sind Fragen, denen Angela Krauß in ihren schmalen, gewichtigen Büchern nachgeht. "Seit einem halben Jahrhundert erwarte ich, mit den Insignien des Lebens ausgestattet zu werden. Als stünde die Rechtfertigung meines Hierseins noch bevor", heißt es in ihrer autobiografischen lyrischen Prosa "Eine Wiege" (2015), und: "Es sollte drei Tage Dunkelheit geben, um die Menschheit zu erneuern."

Die sozialistische Erneuerung der Menschheit war ein ideologisch-pädagogisches Programm, das Angela Krauß im Licht der Wirklichkeit erfahren hat. Sie wurde 1950 in Chemnitz geboren, hat in Ostberlin und dann im Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig studiert, wo sie auch heute lebt. Das Herz des Kindes wähnte eine "Aufwärtsbewegung", der Verstand der Jugendlichen nahm das Gegenteil wahr. Nicht nur für junge Menschen eine schmerzhafte Ambivalenz. Der Vater beging Selbstmord nach dem Einmarsch der Russen in Prag.

In ihren Frankfurter Poetikvorlesungen "Die Gesamtliebe und die Einzelliebe" (2004) spricht Angela Krauß von ihrer 20-jährigen Auseinandersetzung mit der Lüge auf dem Weg zur Schriftstellerin. 1984 kam in der DDR ihr erstes Buch heraus, 1988 folgte der Ingeborg-Bachmann-Preis für eine frühe Version der Prosa "Der Dienst". Das Thema Ambivalenz zieht sich durch ihr Werk und wird in Buchtiteln deutlich, etwa in "Sommer auf dem Eis", "Weggeküßt" oder "Im schönsten Fall".

Revolutionsprogramm

Wer die Dunkelheit fordert, um die Menschheit zu erneuern, hat anderes im Sinn. Die Dunkelheit als Versuch, alle Festlegungen, alle Namen, Wertungen und Erinnerungen auf Null zu stellen, gleichsam hinter sich zu lassen - um neu sehen zu lernen, neu zu sprechen, zu denken und zu lieben. Ein zutiefst menschliches Revolutionsprogramm. Durch die Dunkelheit hindurch auf einen Neuanfang des Lebens zusteuern: Davon handeln ihre Bücher, in Anklang an Kleists "Marionettentheater", die nicht aufhören, in der Ambivalenz auch einen Hoffnungsschimmer, ein Moment von Glück, von Schönheit als Impuls wahrzunehmen.

Auch "Der Strom", Symbol der immerwährenden inneren und äußeren Bewegung, handelt von diesen Ambivalenzen, von den Impulsen, die gelegentlich von ihnen ausgehen, und von den Lähmungen, die sie auch verursachen. Der Leser hat teil an Angela Krauß’ philosophischen Denkbewegungen, in denen Handlung nur am Rande abfällt.