In seinem berühmten Gedicht "Nur zwei Dinge" stellt Gottfried Benn die Frage: "Durch so viele Formen geschritten/durch Ich und Wir und Du/doch alles blieb erlitten/durch die ewige Frage: wozu?" Dieser ewigen Frage geht auch der Autor Simon Strauß (der Sohn von Botho Strauß) nach, und das ausgerechnet in der ewigen Stadt Rom. Im Hauptberuf arbeitet er als Feuilletonredakteur und Theaterkritiker der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Das Benn-Gedicht diente ihm als Vorspiel für seinen 2017 erschienenen Debütroman "Sieben Nächte". Darin folgt er einem jungen Mann durch den Sündenpfuhl seines Daseins und zelebriert ein Lebensgefühl zwischen Hochgestimmtheit und Überdruss. Jetzt also Rom. Und wieder steht im Zentrum ein junger Mann in der Krise, der wiederum in Ich-Form von sich erzählt. Natürlich meint man in ihm den Autor selbst zu sehen, doch Vermutungen, inwieweit hier Autoren-Ich und Erzähler-Ich in eins fallen, führen nirgendwo hin. Fest steht, dass es den Mann für zwei Monate nach Rom verschlägt. Sehnsuchtsort schlechthin und Fluchtpunkt vieler Schriftsteller, von Goethe über Rolf Dieter Brinkmann bis hin zu Ingeborg Bachmann. Sie schrieben, litten, soffen, verausgabten und verzehrten sich dort.

Simon Strauß tut es ihnen nach bzw. lässt seinen Ich-Erzähler dort stranden. Einen Flaneur alter Schule, den es hin- und hertreibt, auf die Plätze der Stadt, zu ihren zahllosen Sehenswürdigkeiten und Denkmälern. Splitternde Gedanken formuliert er dabei, tagebuchähnlich. Er beäugt Paare und Passanten, begegnet Frauen in flatternden weißen Kleidern, die dekorativ an Brunnenrändern rasten, und in jeder noch so kleinen Gasse stöbert er die Gespenster der Vergangenheit auf: Caesar, Goethe, Mussolini, Pasolini etc.

Der junge Mann ist krank, das Herz (was sonst?), und weiß nicht, wie lange die Welt ihn noch trägt. Sinnend streift er umher, horcht der Bedeutungslosigkeit des eigenen Daseins hinterher. Ein jung alt Gewordener, der schon abgeschlossen hat mit der Schlechtigkeit der Welt. Einer, der nach Rom flieht, um die Gegenwart abzuschütteln wie ein lästiges Insekt. Rilkes Ratschlag für Dauermüde taugt ihm als Mantra: "Ich muss mein Leben ändern". Gleichzeitig spricht er sich Mut zu: "Das mit dem Leben wird schon irgendwie klappen". In dieser Spannung aus Optimierungswahn und zaghafter Zuversicht pendelt der Ich-Erzähler durch die Schwüle seines Lebens.

Strauß gelingt mit seinem Rom-Tagebuch ein eigenwilliger Krankenbericht. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen scheint ihm das entscheidende Kennzeichen der modernen Welt, der er ein grüblerisches Attest ausstellt. Diese Gleichzeitigkeit ist auch Formprinzip seines schmalen Romans. Alles prasselt auf den Ich-Erzähler ein, die Anderen, die Toten, die Geschichte, der eigene und der Tod der Eltern. Die Kraft der Religion spielt ihre eigene Rolle, wie könnte es in Rom auch anders sein. Strauß scheut sich als Nachfahre Goethes nicht, en passant die Gretchenfrage zu stellen. Zwar hat das Buch nicht den Drive und die robuste Energie seines Erstlings, trotzdem folgt man dem Erzähler nicht ungern und verschmerzt das Unangemessene der ganzen Unternehmung sowie fehlenden Feinschliff und stilistische Engpässe.

Am Ende ergeht es dem jungen Mann wie dem alten G. Benn, dessen Gedicht das desillusionierende Fazit zieht: "es gibt nur zwei Dinge: die Leere/und das gezeichnete Ich."