Paul Krüzen, 50, lebt in Marienveen "am äußersten Zipfel des Königreichs Niederlande", nahe der Grenze zu Deutschland, noch immer im elterlichen Haus mit seinem Vater zusammen. Seine Mutter ist, als er acht Jahre alt war, mit einem Russen durchgebrannt: Der Mann war mit seinem Kleinflugzeug aus der damaligen UdSSR geflohen, unweit des Elternhauses abgestürzt, vom Vater gerettet und von der Mutter gesundgepflegt worden. Jetzt ist sein Vater ein Pflegefall und muss von seinem Sohn bekocht und versorgt werden.

Paul betreibt unter dem Namen "Krüzen Kurosia (sic!) & Militaria" einen regen Handel mit Uniformen, Orden und allerlei Kriegsgerät. Sein soziales Leben spielt sich im Shu Dynasty und der Happyteria - beides Lokale in chinesischer Hand - ab, sein sexuelles im Pascha Club, einem Puff, das sein zwielichtiger Schulkollege Steggink jenseits der Grenze eröffnet hat.

Einmal im Jahr macht er mit seinem einzigen Freund Hedwiges Geerdink, der seinen Greißlerladen "mit starrem Mut gegen die Axthiebe der Zeit verteidigt", Urlaub im Fernen Osten, doch nach wenigen Tagen packt ihn das Heimweh, das schon seinen Vater bei der vorzeitig beendeten Hochzeitsreise überwältigt hatte.

Eines Tages führt der Zufall Paul mit einer Schulkollegin zusammen. Doch die gemeinsame Nacht wird durch einen Anruf Hedwiges, der in seinem Haus brutal überfallen worden ist, jäh abgebrochen. Paul eilt Hedwiges zu Hilfe, findet den Freund schwer verletzt und psychisch gebrochen vor und hat sofort einen Verdacht. Mit der Bibel im Kopf und einer Pistole im Schulterhalfter sucht er Vergeltung.

Dieser preisgekrönte, original 2017 erschienene Roman ist allein bemerkenswert, weil er jede urbane oder kosmopolitische Anmutung vermeidet: Sein Schauplatz ist keine "pulsierende Me-tropole", sondern ein Kaff, dessen zwei Bankomaten mangels Umsätzen abgebaut worden sind, in einer vom gesellschaftlichen Fortschritt vergessenen Region, in die selbst die 60er Jahre erst mit einem Jahrzehnt Verspätung ankamen. Wo man ein Rauchverbot nur als Gerücht kennt. Wo man bis zu einer Stunde auf die Polizei oder den Notarzt wartet. Eine Provinz ohne Idylle oder tourismustaugliche Anmut, deren Abgeschiedenheit sich feindselig gegen ihre Bewohner zu wenden scheint.

Diese Menschen sind in sich gekehrt, mürrisch, ängstlich, abweisend gegen Fremde(s) - Globalisierungsskeptiker, die gleichwohl wütend werden, wenn ihr Lebensraum offen als "zurückgebliebene Schrumpfregion" bezeichnet wird. Ihre Kommunika-tion untereinander ist von der Wiederkehr des Immergleichen geprägt; in ihren Konversationen nisten Resignation und eine Art ohnmächtiger Pragmatismus. Als Paul seinen Vater fragt, ob die Mutter zurückkäme, antwortet dieser: "Keine Ahnung. Freu dich lieber nicht. Das ist das Beste."

Tommy Wieringa erhebt sich nicht über diese Charaktere, gibt sie nicht der Geringschätzung oder dem Spott preis, sondern verschafft ihnen mit viel Einfühlungsvermögen und sprachlicher Subtilität Verständnis, ja sogar Empathie. Auch zeichnet er sie nicht als willenlose Spielbälle des Schicksals, sondern lässt ihnen - wie widersprüchlich ihre Antriebskräfte auch sein mögen - Handlungsfähigkeit und Tatkraft.

So verfolgt sein Protagonist Paul (mit dem Wieringa einige biografische Details verbinden) trotz linkischem Auftreten seine Agenden des Militaria-Handels, der Betreuung seines Vaters und der Fürsorge für seinen sozial völlig unbegabten Freund Hedwiges pflichtbewusst und durchaus tüchtig. Auch ist er, obwohl er sich in der Schule schwer getan hat, keineswegs unintelligent. Durch den Überfall auf Hedwiges in seiner täglichen Routine und inneren Ruhe erschüttert, überdenkt er sogar manche Vorurteile (ohne sie notwendigerweise abzulegen).

Dass sich das grundsätzlich natürlich todtraurige Buch gut liest, dafür sorgt Wieringa mit seinem wendigen, eigentümlich lakonischen Erzählstil und Antagonismen wie "die städtische Neubausiedlung, in der geschiedene Frauen endeten und Flüchtlinge neu anfingen". Dazu verschmäht Wieringa auch nicht die subtile Wirkung fast gleichnishafter Symbolbilder. Dass Paul bei einem Urlaub auf den Philippinen von Hedwiges ein Medaillon der titelgebenden Heiligen Rita geschenkt bekommen hat, ist in diesem Sinn ebenso bezeichnend wie Pauls prompte Reaktion, alsgleich noch ein Exemplar für seine Lieblings-Nutte zu erwerben, die zufälligerweise auch Rita heißt.

"Die heilige Rita war nicht nur die Retterin der aussichtslosen Fälle, sondern auch die von unfruchtbaren Frauen und Frauen in einer schlechten Ehe, von Fleischern und Fleischhändlern."