"Astrologisch gesehen bin ich ein Löwe." Mit Ironie schlägt Cees Nooteboom eine wahlverwandtschaftliche Brücke zum stolzen Totemtier Venedigs: Seit fünfzig Jahren bereist der Weltenbummler aus Amsterdam ("Venedig des Nordens") die Lagunenstadt an der Adria, deren Beiname Serenissima sie als die Heiterste, Gelassenste rühmt. Die beiden Wasserstädte verbindet manch historischer wie topographischer Aspekt - und der Kampf gegen eine moderne Plage: die Touristenflut, "das Gefühl, dass andere langsam, aber sicher dein Geburtsrecht usurpieren".

Nooteboom verschließt sich der kruden Realität keineswegs. Doch als fein- und kunstsinniger Flaneur gibt er sich lieber dem ewigen Zauber Venedigs hin, diesem von Menschen ausgedachten "Gegengift (. . .) gegen alles, was hässlich war auf der Welt". Die empfundene "Mischung aus Entzücken und Verwirrung" hielt er über die Jahre in essayistisch-vignettenhaften Notizen fest, die nun auf Deutsch vorliegen: "Venedig. Der Löwe, die Stadt und das Wasser".

"Gepanzert" mit Kartenwerk und Weltliteratur, sucht der preisgekrönte Autor die Geheimnisse der Serenissima zu ergründen, manchmal zusammen mit seiner Lebensgefährtin Simone Sassen, deren Fotografien den Band illus-trieren. Er begibt sich an Orte, wo "die Menschenmengen nur gemalt sind", in mystische Gärten oder auf die Gemüseinsel Sant’Erasmo. Zeitenthobene Enklaven, die den Overtourism, den Ausverkauf der Lagunenstadt kurz vergessen machen. Zu einer Gondelfahrt, dieser "ultimativen Venedig-Taufe", entschließt er sich erst ganz spät.

Wo aber bleibt der echte Venezianer, der all die Unannehmlichkeiten erträgt "als Zeichen des Auserwähltseins"? Zum Beispiel in jener Kneipe, wo Nooteboom, durchaus selbstironisch, ein wenig Einheimischer "spielen" möchte, im Lokalblatt liest und um akzentfreies Italienisch ringt. Als ein Mann beim Betreten des Lokals "Buona sera, quasi tutti!" in die Runde ruft, deutet Nooteboom "quasi tutti", diesen Gruß an "fast alle", als persönlichen Ausschluss, fühlt sich enttarnt als Durchreisender, der niemals Teil der Stadtgeschichte wird. Wie genau dieser Gruß letztlich gemeint war, bleibt freilich offen.

Der Autor jedenfalls setzt seine Stadterkundungen fort, wendet sich großen Malern und hehren Zunftgenossen zu (sie alle waren da: Montaigne, Goethe, Byron, Proust, Rilke, Kafka, Mann, u.v.a.); auch Donna Leon legt ihm wertvolle Fährten. Und mit "anthropologischer Neugier" beobachtet er Szenen des authentischen wie touristischen Alltags (etwa die "Alte-Chinesinnen-aus-der-Gondel-hieven-Technik"). Dann wiederum erweckt er Tote zum Leben: Er holt Venedigs Standbilder von den Sockeln, lässt sie nachts durch gegenseitige Besuche ihrer Einsamkeit entkommen, oder schickt Kirchen-Madonnen auf Touristenjagd und Restauranttour, gleichsam als Lohn "für zehn Jahrhunderte treuer Dienste".

Intensiv erlebt Nooteboom auch die Geräusche in diesem autofreien "Hoheitsgebiet des Traumes": Plötzlich wird die "Sinfonie der hunderttausend Füße" wieder vernehmbar, und das Rascheln eines Krabbenfangs unter einer Bootsplane steigert sich zum "Gesang aus dem Styx".

Venedig und der Tod - mehr als ein Mythos: Vielleicht wird "die Stadt dereinst wie eine unendlich verlangsamte Titanic wieder im weichen Boden" versinken (. . .), ein Paradies der Schönheit, das aus sich selbst vertrieben worden ist, weil die Erde ein so großes Wunder nicht ertragen konnte".