Die Digitalisierung schreitet voran, die Welt der Arbeit befindet sich am Beginn eines vermeintlich alles umwälzenden Umbruchs. So weit sind sich aktuelle Gegenwartsanalysen einig. Ob jedoch intelligente Maschinen den Menschen als Arbeitskraft verdrängen und einige davon in sozial prekäre Situationen stürzen werden, oder ob nur lästige, monotone Arbeit an Roboter ausgelagert werden wird, damit Menschen nur noch den spannenden und sozial lohnenden Tätigkeiten nachgehen können, weiß wohl niemand abzuschätzen.

In den vergangenen Jahren waren es vor allem dystopische Analysen aktueller Entwicklungen sowie deren verstrickendes Weiterdrehen, die zum Thema Zukunft der Arbeit den Sachbuchmarkt erobert haben. Die Digitalisierung zerstört reale soziale Netze, wirkt sinnentleerend für menschliche Lebensentwürfe und überschreibt Algorithmen jegliche Macht und Kontrolle über abhängige, ja beinahe schon willenlose und voneinander isolierte Individuen. Zuletzt mischen sich aber immer wieder Beiträge darunter, die Digitalisierung nicht als unaufhaltsame Walze charakterisieren, deren Voranrollen der Mensch machtlos ausgeliefert ist, die versuchen, Szenarien zu entwickeln, in denen Technik und Fortschritt der Menschlichkeit dienen - anstatt sie zu untergraben. Lisa Herzogs Essay "Die Rettung der Arbeit" fügt sich angenehm unaufgeregt in diese Kategorie ein.

Demokratie schlägt Digitalisierung

Die zuletzt in München lehrende Philosophin plädiert in ihrem Text dafür, sich aus der gefühlten Ohnmacht zu befreien und aktiv gestaltend in aktuelle Entwicklungen der Arbeitswelt einzugreifen. In ihren Vorüberlegungen unterstreicht Herzog zunächst den sozialen Charakter von Arbeit, den sie über monetäre Motivation oder Theorien der Selbstverwirklichung stellt. Menschen arbeiten, weil sie in einem arbeitsteiligen Netz gesellschaftlich nützlich sein wollen, sieht Herzog als Hauptmotivation für Arbeit.

Unter dieser Prämisse setzt die Autorin auf die Rettung der Arbeit statt auf Szenarien über deren Ende. Nachdem sie die Ideengeschichte der Arbeit und der Arbeitsteilung aufarbeitet, widmet sie sich Fragen nach der sinnvollen Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine. Technik solle dabei nicht nur als Steigerung von Effizienz verstanden werden, sondern genutzt werden, um Arbeitswelten besser und sozialer zu gestalten. Gefragt sei dabei ein politischer Gestaltungswille, der sich selbstbewusst vor die Menschen und gegen das Interesse internationaler Konzerne stellen solle. Zentrale These Herzogs ist dann das Plädoyer für das Etablieren demokratischer Organisationsformen in der Wirtschaft. Sie sollen nicht nur das zeitgemäße Konzept Arbeit menschlicher machen, sondern letztlich dazu beitragen, dem aktuellen Erodieren demokratischer Mechanismen durch den freien Markt und wachsende soziale Unterschiede entgegenzuwirken. Konkret bedeutet das: Weg von hierarchischen, hin zu partizipativen Modellen von Arbeitsorganisation, gewählte Chefs und gemeinsam getragene Verantwortung in Form von genossenschaftlich organisierten Unternehmen Technik ist dabei zeitgemäßes Hilfsmittel anstatt einer knechtenden Kontrollinstanz. Demokratische Teilhabe müsse im Alltag eingeübt werden, um in der Politik zu funktionieren. Nur daraus entstehe eine neue Mündigkeit jedes und jeder Einzelnen, die der einzige Weg sei aus der schrittweisen Entmündigung durch die Digitalisierung.

Knospen eines neuen
digitalen Optimismus

Herzogs Essay ist trotz dieser Gegenwartskritik keine geschliffene Anklage, er ist teils dozierendes, teils mahnendes, stets nüchternes und historisch fundiertes Nachdenken über die Gegenwart. Dafür wurde die 35-jährige Philosophin jetzt nicht nur mit dem Tractatus, Essaypreis des Philosophicum Lech (mit 25.000 Euro), ausgezeichnet. Auch die Hamburger Max Uwe Redler Stiftung verleiht ihr den mit 100.000 Euro dotierten Philosophiepreis. Patente Konzepte für die großen Fragen der Gegenwart sind gefragter denn je.

Digitalisierung kann die Welt besser machen, eine Bedrohung von Menschlichkeit kann zu einer ihrer größten Stützen werden. Man muss aktuelle Entwicklungen nur entsprechend steuern, anstatt ihre Folgen verzweifelt abzuwehren. Der größte Schwachpunkt des Textes ist zugleich seine Stärke: Herzogs Thesen und Forderungen sind aus der Haltung einer vorsichtig optimistischen Hoffnung formuliert. Dass ihre Konzepte aktuell kaum Ansatzpunkte in der (politischen wie wirtschaftlichen) Realität haben, mag man als naiv bezeichnen - oder aber als das Aufkeimen eines klugen wie praktisch orientierten Optimismus feiern. Schließlich kann auch immer noch alles gut werden.