Wenn man heute öffentlich erklärt, Margaret Thatcher und Ronald Reagan seien "große Politiker, die bedeutendsten ihrer Zeit" gewesen, handelt man sich damit zuverlässig den Ruf ein, kalt, herzlos und menschenverachtend zu sein. Typisch neoliberal halt.

Doch genau so formuliert es der peruanisch-spanischen Literatur-Nobelpreisträger Marion Vargas Llosa. In seinem jüngsten Werk, "Der Ruf der Horde", kein Roman, sondern ein politischer Essay von etwa 300 Seiten, legt er ein klares Bekenntnis zum Liberalismus ab, zu dessen eminenten politischen Proponenten er nicht zu Unrecht auch die eiserne Lady Thatcher und Präsident Reagan zählt.

Es ist ein leicht experimenteller Text, den Vargas Llosa da vorlegt. Er besteht aus acht Elementen: einer knappen Intro, in der der Autor seine Metamorphose vom jungen Kommunisten zum liberal gesonnenen Erwachsenen beschreibt, gefolgt von sieben porträtartigen Essays über zentrale Denker des Liberalismus im 19. und 20. Jahrhundert: Adam Smith, José Ortega y Gasset, Friedrich August von Hayek, Karl Popper, Raymond Aron, Isaiah Berlin und Jean-Francois Revel.Es ist dies naturgemäß eine subjektive und unvollständige Auswahl, weswegen der Untertitel des Buches auch korrekt "Eine intellektuelle Autobiografie" heißt.

Geschult an Sir Karl Popper

Es ist ein zutiefst beeindruckendes, mitreißendes und intellektuell geradezu funkelndes Stilmittel, das Vargas Llosa da erdacht hat. Indem er jeden dieser liberalen Gründerväter nicht nur beschreibt, sondern auch einordnet, beurteilt und immer wieder auch hart kritisiert, erfahren wir gleichsam im Spiegel der Porträtierten, was Vargas Llosa für Liberalismus hält. Die "Neue Zürcher Zeitung" befand in einem Porträt des Literatur-Nobelpreisträgers einmal, er sei "ein entspannter, unverkrampfter klassisch Liberaler, der stets klug, aber keine Sekunde besserwisserisch, gerne leidenschaftlich, aber nie fanatisch ist".

Genau diesen Geist atmet das Buch auf jeder Seite. Sein unbedingtes Bekenntnis zur Freiheit des Individuums, zum Schutz des Eigentums, zu einem möglichst kleinen und nicht-invasiven Staat, zu Freihandel und Marktwirtschaft und all den anderen klassischen liberalen Werten kommt nie mit dem Absolutheitsanspruch daher, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Ganz im Gegenteil: Immer wieder verweist er auf die Notwendigkeit, auch und vor allem eigene Überzeugungen in Frage zu stellen, zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren.

Vargas Llosa folgt darin ganz klar Sir Karl Popper ("Die offene Gesellschaft und ihre Feinde"), der ihn philosophisch maßgeblich beeinflusst hat.

Im Popper-Kapitel schreibt Vargas Llosa: "Die Schlacht ist noch nicht geschlagen, und dazu kommt es wahrscheinlich nie. Der Ruf der Horde, die Anziehungskraft, die von dieser Form des Daseins (der geschlossenen Stammesgesellschaft) ausgeht,
in der das Individuum sich der mühsamen Verpflichtung der Freiheit ebenso begibt wie der Souveränität, die Ratio walten zu lassen - im freiwilligen Joch einer Religion, einer Doktrin oder eines Herrschers, der für ihn die Verantwortung übernimmt und Antworten gibt auf all seine Probleme -, dieser Ruf schlägt im Herzen der Menschen offenbar tiefste Saiten an. Denn ein ums andere Mal wird er von Nationen und Völkern oder, in den offenen Gesellschaften, von einzelnen Menschen und Gemeinschaften gehört, die alles daransetzen, sie wieder zu schließen und die Kultur der Freiheit abzuschaffen."

Der vorliegende Essay lässt sich problemlos als Streitschrift verstehen gegen diese gerade heute wieder zu beobachtenden Tendenzen zu einerseits nationalistischen, andererseits aber auch sozialistischen Ideologien, die sich des "Rufes der Horde" bedienen und gleichzeitig an ihn appellieren. Vargas Llosa zeigt mit diesem Essay, dass er nicht nur einer der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ist, sondern auch ein politischer Denker von beeindruckender Kraft.

Sachbuch

Der Ruf der Horde. Eine
intellektuelle Autobiografie

Mario Vargas Llosa

Suhrkamp Verlag, Berlin 2019

315 Seiten, 24 Euro