Man kennt ja den Vorwurf: Mathematik - und vor allem die höhere Mathematik, die zumindest im Ansatz in Schulen gelehrt wird - hat mit der realen Lebenswelt nichts zu tun. Das wird zumindest immer wieder gerne behauptet, nicht zuletzt von sogenannten Bildungsexperten, die dafür plädieren, all jene Bereiche, die man in der Praxis nicht unmittelbar anwenden kann, aus dem Lehrplan zu streichen.

Mit seinem neuen Buch "Die Farben der Quadratzahlen" hat Rudolf Taschner nun einen wichtigen Beitrag in dieser Debatte geleistet. Denn er zeigt darin auf so beeindruckende wie verständliche Art und Weise, wie eng Mathematik und Philosophie zusammenhängen - und wie sehr diese abstrakten Denkweisen eben doch ins Leben hineinspielen. Denn die von ihm vorgebrachten Beispiele kratzen sehr an der Vernunft und zeigen, dass die vordergründig plausible Lösung nicht immer die beste und schon gar nicht die richtige ist, "im Übrigen ein Grundsatz, den man sich auch außerhalb der Mathematik zu eigen machen sollte". Es sind nicht unbedingt neue Erkenntnisse, die Taschner anführt, dennoch sind sie aktuell und erstaunlich.

Statistiken lesen

Wie ist es zum Beispiel möglich, eine unendliche Linie auf ein begrenztes Blatt Papier zu bringen? Wie kann man es sich vorstellen, dass ein Kreisumfang aus unendlich vielen Punkten besteht und in sich dennoch begrenzt ist? Oder wie kann es sein, dass die sogenannte "Gabriels Posaune" eine unendliche Mantelfläche hat, ihr Inhalt aber dennoch begrenzt ist?

Und warum sollte man bei Statistiken lieber zweimal hinschauen? - Nun: Man stelle sich vor, es geht um Aufnahmezahlen für Studienplätze. Schon hat man es mit heiklen statistischen Auswertungen zu tun, bei denen ein genauerer Einblick in den Ablauf oft notwendig ist, um zu verhindern, dass sich gar das falsche Geschlecht diskriminiert fühlt. Tatsächlich führt gerade das Lesen von Statistiken häufig zu falschen Schlüssen. Hier lohnt sich ein zweiter Blick und eine genaue Betrachtungsweise unbedingt.

Wenn Rudolf Taschner schreibt, wird die Begeisterung für die Mathematik wachgeküsst und man bekommt Lust auf weitere Gedankenexperimente. Ein Buch für Leute, die Zahlen ohnehin lieben, vor allem aber auch für Nichtmathematiker, die bereit sind, sich auf neue Denkwege einzulassen.

Sachbuch

Die Farben der Quadratzahlen. Kleine Anleitung zum mathematischen Staunen.

Rudolf Taschner

Carl Hanser Verlag: München 2019, 256 Seiten, 22,70 Euro