Natürlich hat die Neueröffnung der Filmbuchhandlung Satyr nicht viel mit dem Original zu tun, abgesehen vom bekannten Namen. Das Angebot ist räumlich stark begrenzt, die Buchhandlung wird nur einen kleinen Teil des Foyers einnehmen, dazu sind die Öffnungszeiten vom Kinospielbetrieb abhängig. Das Konzept, die Medien zu einer Kunstrichtung an den Ort ihrer Kunst zu bringen, ist aber nicht neu. Die Buchhandlung Leporello betreibt einen kleinen Ableger mit Theaterschwerpunkt im Wiener Burgtheater, jedes Museum bietet inzwischen in seinem Museumsshop auch Kunstbücher an; sie sind vielleicht die inzwischen umsatzstärksten Absatzorte für gedruckten Luxus zwischen zwei Buchdeckeln. Nicht nur am Nischenmarkt gibt es neue Trends: In Großbritannien und den USA stieg der Absatz von Büchern (und Hörbüchern) das vierte Jahr in Folge, während die E-Books stagnierten oder sogar rückläufig waren, wie die "Financial Times" kürzlich berichtete. Und das vor dem Hintergrund, dass es dort eine Buchpreisbindung wie in Deutschland und Österreich nicht gibt, Supermärkte und Amazon die Preise nach Lust und Laune festsetzen können.

Doch gerade bei der Spezialisierung in großen Städten sei der Trend zu Büchern und zu Lesern, die die Atmosphäre einer Buchhandlung schätzten, ungebrochen, recherchierte unlängst etwa der "Guardian" in London: "Die physische Welt lebt weiter." Und expandiert: Die 627 Filialen der US-Buchkette "Barnes & Noble" wurden gerade vom Konkurrenten "Waterstone Bookshops" übernommen, das Ziel ist Expansion: "America is very under-bookshopped", hieß es aus dem Unternehmen.

Erlebnis Buch

Gibt es wirklich einen Trend zurück zum Buch und seiner oftmals bibliophilen Ausstattung, zur gedruckten Auseinandersetzung mit Nischenthemen? Wird die Mediengattung vielleicht bald selbst zur Kunstform und darob ein begehrtes Sammlerstück? Den Eindruck könnte haben, wer sich ab kommenden Freitag auf der ersten "Vienna Art Book Fair" umsieht, die auf der "Angewandten" stattfinden wird. Dort wird an drei Tagen dem Kunstbuch die Bühne gewidmet: ein Erlebnispark für Buchliebhaber einerseits, eine Plattform für Künstler, Buchmacher, Verleger, Kollektive, Antiquariate, Bibliotheken, Papierhersteller und Druckereien andererseits. Marlene Obermayer, Veranstalterin und Gründerin des Vereins "Das Kunstbuch", sieht Bücher als demokratische Kunstwerke an und macht die "Vienna Art Book Fair" deshalb bei freiem Eintritt zugänglich.

Je mehr Spezialinteresse zu Themen vorhanden ist, desto schneller werden diese auch wieder breitentauglich, und das Trägermedium Buch oder Zeitschrift vermittelt dabei eine gewisse Beständigkeit, ganz im Gegensatz zur Online-Wegwerfnachricht, die sich oft schon am Folgetag nicht mehr finden lässt.

Das hat mehrere Gründe. "Print ist keineswegs tot. Das gedruckte Medium verfolgt andere Konzepte als früher, aber insbesondere junge Menschen halten zunehmend lieber ein Heft mit fundierten und längeren Lesegeschichten in der Hand und konsumieren eher nur die schnelle Information online", sagt etwa Antje Mayer-Salvi, Chefredakteurin des zweisprachig in Deutsch und Englisch erscheinenden "C/O Vienna Magazine". Sie geht den umgekehrten Weg von Online zurück zu Print: Die Online-Publikation mit Schwerpunkt Design, Film, Fotografie und Kunst legt ein Mal jährlich eine Print-Ausgabe auf.

Der Grund: "Themen lassen sich anders setzen. Im Print können wir nicht nur Wien in all seinen Facetten darstellen, sondern auch Sonderthemen platzieren, die Wien als Weltstadt zeigen, in der es um aktuelle Themen geht", sagt die Gründerin des Redaktionsbüro Ost. Die gedruckte Bild-, Schrift- und Layoutsprache erlaube außerdem eine andere Form der Kommunikation: Ganzseitige Bilder oder leere Seiten mit nur einem Zitat hinterließen nachhaltigere Eindrücke beim Leser als Bildschirmseiten voller bewegter Werbungen, die man nicht wegklicken könne.

Vielleicht ist es genau das, was das Buch und die Zeitschrift, die Kunstpublikation und den Roman so unentbehrlich machen, gerade im Zeitalter der hektischen Netzwelt: Sie bringen Ruhe in ein zunehmend unübersichtlich werdendes Medienangebot, dem man sich aus Überforderung gar nicht mehr aussetzen will. Dann lieber bei einem Café vor dem Film im Foyer des Metrokinos in den Buchregalen stöbern, und das sehr bewusst. Ein ganz neues Gefühl der Entschleunigung setzt ein. Wobei: Neu ist es nur für die, die nicht wussten, dass es Wissen und die Lust an Kunst auch schon vor dem Smartphone gab.