Ganz zum Schluss, auf den letzten Seiten, erleben wir Ivo doch noch in Aktion, bei einem Match. Ungewöhnlich spät, wenn man bedenkt, dass er, der Held in Tonio Schachingers Debütroman "Nicht wie ihr", immerhin Fußballprofi ist. Die Wahrheit liegt auf dem Platz, so lautet ein geflügeltes Wort unter Fußballern. Da-rauf könnte Schachinger erwidern: Es gibt auch ein Leben abseits des Fußballplatzes. Dieses Leben ist es jedenfalls, das er auf knapp 300 Seiten ausbreitet.

Ivo hat es vom klassischen "Käfigkicker" mit Balkanhintergrund in Wien bis nach ganz oben geschafft. Nach Stationen bei Real Madrid und Chelsea spielt er, mit 27, nun bei Everton. Wer ist dieser Ivo? Natürlich eine Kunstfigur, eine aber, die es in ihrem Leben mit höchst realen Menschen zu tun hat. In der österreichischen Nationalmannschaft spielt sie mit David Alaba und Marco Arnautovic zusammen. Alaba, findet Ivo, ist ein lockerer Typ, kommt der doch mit fremden Menschen schnell ins Gespräch.

Kicken und schimpfen

Hier ist unser Romanheld einmal ganz des Lobes. Viel öfter zieht er allerdings über seine Mitmenschen her. So sind Reporter für ihn durchweg "vertrottelt" und "Medienfuzzis", und es braucht nicht viel, dass er jemanden "blad" findet oder einen "Hurensohn" nennt. Was die Wiener Gasse an Kraftausdrücken zu bieten hat, findet sich in diesem Stück Literatur reichlich wieder. Didi Constantini, Stefan Maierhofer und etliche andere aus der Fußballwelt kriegen ihr Fett ab. Manche werden nicht mit vollem Namen genannt, da ist etwa nur von dem Kommunikationsmanager des HSV die Rede - möglich, dass die Rechtsabteilung des Verlags hier ein beschwichtigendes Wort mitgeredet hat.

Der Autor gibt Einblick in das Innenleben eines Fußballprofis, der pro Woche 100.000 Euro verdient, und in diesem Innenleben rumort es gewaltig. Streckenweise werden wir mit wahren Schimpfsuaden eingedeckt. Nicht aber à la Thomas Bernhard, bei dem das vernichtende Urteil oftmals ins Komische kippt; nein, Ivo scheint sich wirklich eine Last von der Seele reden zu müssen, und was er sagt, hat im Grunde Hand und Fuß - nur dass er sich dabei eben reichlich goschert aufführt.

Ivo fährt große Autos - und die mit Vorliebe schnell. Auch außereheliche Affären scheinen im Milieu der Fußballstars nicht unüblich zu sein. Ivo hat eine mit Mirna, seiner alten Jugendliebe, die so ganz anders ist als er: Sie hat studiert, kennt sich beim Fußball überhaupt nicht aus und interessiert sich für Politik. Möglicherweise reizt den Sportler gerade dieser ganz andere Zugang zum Leben. Mit Mirna gewinnt der Roman nicht nur an heißen Bettszenen, sondern auch an Spannung. Wann kommt es zum nächsten geheimen Treffen? Wird die Ehe von Ivo darüber in die Brüche gehen?

Denn seine Familie ist Ivo heilig - doch Mirna gefällt ihm nun einmal verdammt gut. Auch bei der Bewältigung dieses Konflikts können wir an seinem Gedankenstrom teilhaben. Wie eine Klammer für das vielfältige Geschehen spannt sich die Affäre mit Mirna durch den Roman: Bald erleben wir Ivo als Familienmenschen, bald als Rabauken, bald als Grübler.

Dieser Autor, denkt der Leser, muss Kinder haben, sonst könnte er nicht so detailliert einen Kindergeburtstag schildern. Und wie er sich in Liebesdingen und der Fußballwelt auskennt! Vor seinem inneren Auge hat der Leser also einen schon etwas in die Jahre gekommenen Autor. Umso überraschter ist er, als er dessen jugendliches, fast scheues Gesicht auf dem Schutzumschlag erblickt: Gerade einmal 27 Jahre ist Toni Schachinger. So jung, und schon so viel Lebenserfahrung! Zu Recht steht der Roman auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.