In Gesprächen mit Verwandten und Bekannten der Mutter sowie Recherchen historischer Vorfälle und Zusammenhänge setzen sich die bruchstückhaften Erinnerungen des Sohnes neu zusammen. Herausgekommen ist das Bild einer mutigen Frau, die unter widrigsten Umständen, ohne Selbstmitleid, ihr Leben meistert und die Repressionen der Diktatur ohne Zugeständnisse übersteht.

Teile fügen sich zusammen

Als er an ihrem Totenbett erfährt, dass seine Mutter ihm ein Leben lang verheimlicht hatte, dass sie einen Arm kaum bewegen kann, wird dem Sohn "einiges klar", wie er sagt, und bisher zusammenhangslose "Teile fügen sich zu einem Bild zusammen". Die Geschichte der Mutter beginnt in voller Dramatik damit, dass ihr jähzorniger Vater, ein republikanisch gesinnter Wandertheaterspieler und Stückeschreiber, sie in seiner völligen Verzweiflung töten will, als seine geliebte Frau bei ihrer Geburt verblutet und stirbt.

Während ihr Vater ihr den
linken Arm gebrochen hatte, wird sie über ihr Schicksal niemals klagen, sie steckt es weg und versteckt es. Das Schweigen und Verschweigen wird dagegen zu einem Teil ihres Lebens und ihrer Lebensstrategie. Während ihre Geschwister ihren ebenso gewalttätigen wie aufbrausenden Vater nacheinander verlassen, wird Petra ihn klaglos pflegen, als dieser nach einer Schlägerei mit einer Lähmung nach Hause gebracht wird. Einhergehend mit der Rekonstruktion des verborgenen Lebens seiner Mutter, die sich nach dem Ende des Bürgerkriegs als Dienstmädchen in Saragossa verdingt hat, stößt der Autor Altarriba auf eine "verborgene Geschichte Spaniens". Aufgrund von einigen Empfehlungen gelangt die junge Frau in den Haushalt des Generals Juan Bautista Sánchez González, wo die konspirativen Treffen der monarchistischen Gegner Francisco Francos stattfinden. Einst Verbündeter auf der Seite Francos gegen die Zweite Spanische Republik, wird er zusammen mit seinen Gleichgesinnten Ende der 1950er Jahre "als Verlierer unter den Siegern des Spanischen Bürgerkriegs" von Franco beseitigt.

Ein erweiterter Blick

Die beiden als Diptychon zusammengefassten Comicromane erzählen ein ganzes Bündel an Geschichten, die sich wechselseitig beleuchten und den Blick erweitern. In den gegensätzlichen Lebensgeschichten der Eltern findet der Autor - und wohl auch der Leser - am Ende überraschende Ähnlichkeiten. Darauf verweisen auch die Titel "Die Kunst zu fliegen" und "Der gebrochene Flügel". Über die konkreten Träume und Schicksale der Eltern hinaus lassen sie sich als pointierte Abbreviationen des anarchistischen spanischen Traums und seines bitteren Endes lesen.

Kims durchwegs realistische Zeichnungen, die immer wieder durch Witz und Ironie gebrochen sind, lassen auch den Lesern die Möglichkeit, vieles zu entdecken, was die Dialoge in den Sprechblasen nicht explizit ausdrücken. Durch die häufigen raschen, oftmals abrupten Szenenwechsel erschaffen die beiden Autoren ein facettenreiches und vielschichtiges Panorama spanischer Geschichte, betrachtet durch die außergewöhnlichen Lebensgeschichten zweier gewöhnlicher Menschen. Ein ganz außergewöhnliches Diptychon.