Wien/Stockholm. "Ein 'geglückter' Tag - jedenfalls für die österreichische Literatur, für die Literatur überhaupt" ist die Nobelpreisvergabe an Peter Handke für Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Mit Handke habe "ein Autor den Nobelpreis gewonnen, dessen leise und eindringliche Stimme seit Jahrzehnten Welten, Orte und Menschen entwirft, die faszinierender nicht sein könnten", hieß es in einer Aussendung.

Handke "leuchtet die Zwischenräume des Daseins aus und wirft einen behutsamen Blick auf das Fühlen und Denken seiner Figuren. In einem Ton, der schnörkellos und doch einzigartig ist, lässt er uns, die Leserinnen und Leser an seiner Welt und Sprache teilhaben", betonte Van der Bellen." Wir haben Peter Handke viel zu verdanken. Ich hoffe, er weiß das."

"Handke hat Generationen von Lesern bewegt"

"Höchst verdient und eine würdige Anerkennung für ein literarisches Ausnahmetalent" ist Handkes Nobelpreis für Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein und Kulturminister Alexander Schallenberg. "Handke hat Generationen von Leserinnen und Lesern bewegt", hieß es in einer Aussendung.

"Durch eine unglaubliche Fülle an Werken sowie seine unvergleichbare poetische Sprache habe Handke dem 'Gewicht der Welt' Ausdruck verliehen", meinten der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (beide SPÖ)."Für sein unermüdliches Schaffen und sein Insistieren auf differenzierte Wahrnehmung von dem, was uns umgibt, müssen wir ihm dankbar sein."

Begeistert hat Elfriede Jelinek auf die Vergabe des Literaturnobelpreises 2019 an Peter Handke reagiert. "Großartig! Er wäre auf jeden Fall schon vor mir dran gewesen", schrieb die Autorin der APA. Für Jelinek, die den Preis selbst 2004 erhalten hatte, war es "höchste Zeit!" Sie freue sich auch, dass die Auszeichnung an jemanden gehe, "auf den sie in Österreich endlich stolz sein werden".

Knapp, aber euphorisch hat Peter Handkes Schriftstellerkollege Michael Köhlmeier auf die Nachricht des Literaturnobelpreises gegenüber der APA reagiert: "Es freut mich außerordentlich. Der größte Poet unserer Sprache hat den Preis bekommen."

Für Burgtheaterdirektor Martin Kusej ist Handke "ein enorm wichtiger Künstler und eine faszinierende Künstlerpersönlichkeit", wie er in einem der APA übermittelten Statement erklärt. Er habe erst nach einer Probe davon erfahren und sich "einfach nur gefreut. Ich bin mit Peter Handkes Literatur aufgewachsen." Handke sei ein Autor, "der nicht nur das Theater, sondern auch die Sprache immer wieder infrage stellt - seine Texte sind damit für das Theater auch eine Herausforderung." Er kenne ihn persönlich noch gar nicht so lange, "habe ihn aber immer als sehr warmherzigen, fast väterlichen Menschen erlebt, der aber auch einen fast beißenden, zynischen Ton anschlagen kann". Natürlich werde das Burgtheater "auch ein Stück von Peter Handke in unserem zukünftigen Spielplan haben, allerdings hat das nichts mit dem Nobelpreis zu tun - das hatten wir ohnehin schon länger vor".

Peymann: "Die schönste Nachricht!"
Mit großer Freude hat der ehemalige Burgtheaterdirektor Claus Peymann, der mit Peter Handke zahlreiche Stücke als Regisseur erarbeitete, auf die heutige Entscheidung reagiert. "Dass Peter Handke den Nobelpreis für Literatur bekommt, ist die schönste Nachricht!", so Peymann schriftlich auf APA-Anfrage. "Handke ist ein Dichter, durch dessen Augen wir die Welt anders sehen."

"Die Heldinnen und Helden seiner Romane und seiner Stücke begleiten uns weiter, auch nachdem wir die Bücher zugeklappt und die Theater verlassen haben. Das Theater verdankt ihm viel - ich verdanke ihm viel! -, und auch deshalb macht die Nachricht vom Nobelpreis Mut und Hoffnung. Das Theater braucht Poesie, Geheimnis und Stille - gegen die Raumverdränger und das Gegenwartsgeplapper unserer Zeit. Der Nobelpreis möge Handke bestärken, mit uns und für uns weiter daran zu glauben."

Literaturwissenschafterin Daniela Strigl betonte in einer ORF-"Zeit im Bild" die Bedeutung der Handke-Entscheidung für die Literatur an sich: "Es ist schon auch über Österreich hinausgehend ein Preis, der eine Literatur der Bedächtigkeit und Langsamkeit stark macht, gegen eine marktgängige Literatur des flotten Erzählens."

Die deutsche Regisseurin Corinna Belz hat Handke für das Film-Porträt "Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte..." über drei Jahre lang begleitet. Sie freute sich gegenüber der APA über die Auszeichnung für den Schriftsteller. "Ein gutes Zeichen für die Literatur", so Belz in einer schriftlichen Stellungnahme. "Großartige Wahl einer neuen Jury."

Gemischte Meinungen aus dem WestbalkanDie Verleihung des Literaturnobelpreises an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke ist in den Ländern des Westbalkans auf gemischte Meinungen gestoßen. Während in Serbien die Auszeichnung für den "Freund Serbiens" begrüßt wird, gibt es aus dem Kosovo und Bosnien-Herzegowina harsche Kritik in Bezug auf die ihm vorgeworfene Verharmlosung von serbischen Kriegsverbrechen.

Der ehemalige kosovarische Außenminister Petrit Selimi fragte die Nobelpreis-Akademie über Twitter, ob sie auch Handkes Rede, die er beim Begräbnis des serbischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic hielt, als Teil seines literarischen Opus berücksichtigt habe, als sie beschloss, "diesem Genozid-Leugner" den Nobelpreis zu verleihen. "Skandalös", twitterte unterdessen die kosovarische Botschafterin in den USA, Vlora Citaku, und bezeichnete die Entscheidung als "absurd und schändlich".

Auch der amtierende Außenminister Albaniens, Gent Cakaj, bezeichnete die Auszeichnung als "unwürdig und schändlich". "Als jemand, der leidenschaftlich an die Schönheit und Macht der Literatur zur Bereicherung der menschlichen Erfahrung glaubt, und als Opfer von ethnischer Säuberung und Genozid bin ich empört über die Entscheidung, den Literaturnobelpreis einem Genozid-Leugner zu verleihen", schrieb der aus Kosovo stammende albanische Politiker auf Twitter.

Den Kritikern, die auf Twitter auf Kontroversen rund um Handke hinwiesen, schloss sich auch der bosnisch-amerikanische Schriftsteller Aleksandar Hemon an. "Peter Handke ist der Bob Dylan unter den Genozid-Leugnern", twitterte Hemon und verlinkte einen Guardian-Artikel aus dem Jahr 1999 über Handkes Positionen zum Bosnien-Krieg. Auf diesen Artikel verwiesen auch bosnische Medien. Die Tageszeitung "Dnevni Avaz" bezeichnete Handke in einem Porträt als "leidenschaftlichen Fan der serbo-tschetnischen Bewegung, der im Rahmen dieser Ideologie öffentlich den Genozid in Srebrenica leugnet".

Auf der anderen Seite gab es in Serbien großes Lob für Handke. Wie der serbische Kulturminister Vladan Vukosavljevic betonte, habe der große Schriftsteller, einer der höchstwertigen deutschsprachigen Autoren in der Geschichte den Höchstpreis verdient. Er hätte den Nobelpreis "schon längst bekommen müssen, doch dann hat die Politik ihre Finger dazwischen gemischt", so der Minister laut Nachrichtenagentur Tanjug. Handke bekam den Preis "relativ spät, aber doch absolut verdient", fügte er hinzu. (apa)