2011 kam das Stück "Immer noch Sturm" heraus, eines von Handkes persönlichsten Dramen. Darin begibt sich der Autor auf die Suche nach seinen Vorfahren, slowenische Kleinbauern in Kärnten, und verkoppelt die Familienerkundung mit der Geschichte der Partisanenbewegung. Mit diesem Thema betrat Handke politisch heikles Terrain: Von den Partisanen profitierte seinerzeit das Land, nach Kriegsende war ihr verlustreicher Kampf ein gewichtiges Argument für die Alliierten, Österreich seine Souveränität zu gewähren. Bis heute gibt es dafür keine offizielle Würdigung. Vielen Kritikern galt "Immer noch Sturm" als Handkes "wichtigstes und bestes Stück". Immer wenn sich Peter Handke seiner Familie literarisch näherte, ist das Ergebnis außergewöhnlich. In "Wunschloses Unglück" setzte er seiner Mutter nach deren Selbstmord ein literarisches Denkmal; in "Kindergeschichte" (1981) gewährte er unerschrockene Einblicke in den bittersüßen Alltag mit seiner Tochter Amina. Pflichtlektüren für jeden Vater.

1996 veröffentlichte Handke den Reisebericht "Eine winterliche Reise zu den Flüssen, Donau, Save, Morawa und Drina"; seine proserbische Haltung am Höhepunkt des Balkankonflikts erregte weltweites Aufsehen. Weit über die literarische Welt hinaus wurde er als "Serbenfreund" geschmäht; mit spitzzüngigen Interviews feuerte er die Skandalisierungsversuche weiter an. Die Causa Handke geriet zum Politikum. Noch einmal flackerte die Kontroverse auf, als der Schriftsteller bei der Beerdigung von Slobodan Milošević eine Grabrede hielt.

Eigenwillig durchpflügt Peter Handke seit jeher die literarische Welt. Er hat zahllose Werke übersetzt und hob gern die Vergessenen und Verkannten in den Himmel, etwa den Vorarlberger Bauerndichter Franz Michael Felder; die anerkannten Meister des Literaturbetriebs (Brecht, Schiller, Musil) stempelte er lustvoll ab.

Bereits zu Lebzeiten erscheint bei Suhrkamp eine Handke-Gesamtausgabe, eine seltene Ehre. Die Handke-Bibliothek umfasst 14 Bände, vereint Prosa, Gedichte, Theaterstücke, Aufsätze und Journale. Auf mehr als 11.000 Seiten wird, mit einem ganz eigenen Blick auf die Welt, Blatt für Blatt der Aufstand gegen die sogenannte Wirklichkeit geprobt. Eine poetische Handreichung zur Welterkundung. "Lesen Sie gefälligst", forderte Handke einst in einem seiner seltenen Interviews. Gern.