"Mit dem ICH kann ich mehr schwadronieren und mich lustig machen." - Peter Keglevic.
 - © Katharina-Behling
"Mit dem ICH kann ich mehr schwadronieren und mich lustig machen." - Peter Keglevic.
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Sie sagten einmal in einem Interview, ohne Komik ließe sich tödlicher Ernst nicht ertragen. Das galt sicher auch für Ihren ersten Roman. In Ihrem zweiten Roman, "Wolfsegg", ist aber für Komik kein Platz. Es geht hier unter anderem um Kindesmissbrauch in einem Heim. Komik, Groteske und Humor eignen sich also doch nicht für jedes Thema?

Sie haben recht, in "Wolfsegg" habe ich wenig Komik hineingebracht. Das hat mit der gewählten Erzählerperspektive zu tun: Den "Trauzeugen" schrieb ich in der Ich-Person, "Wolfsegg" in dritter Person. Mit dem ICH fällt es mir leichter, weil es subjektiver werden darf. Die dritte Person verlangt viel mehr Objektivität, Neutralität und Genauigkeit. Mit dem ICH kann ich mehr schwadronieren und mich lustig machen.

"Wolfsegg" ist ein düsterer Roman, der die Landbevölkerung zum Teil dumpf, feige und verkommen zeigt. Davon hebt sich die Hauptfigur, die fünfzehnjährige Agnes, mit ihrem Mut und ihrer Geradlinigkeit ab. Sind Sie der Meinung, dass die junge Generation die Eisen für unsere Gesellschaft aus dem Feuer holen muss? Bei einer so jungen Heldin, die früh Verantwortung übernimmt, fällt einem ja gleich Greta Thunberg ein.

Als ich mit Agnes und ihrer Geschichte anfing, gab es Greta noch nicht (auf der medialen Ebene). Aber es gab immer tapfere, mutige und unbeirrbare junge Menschen, die sich gegen Ungerechtigkeit oder privates und persönliches Unglück gestellt haben. Jetzt schauen die Medien nur viel intensiver hin und kreieren Heldinnen, bauen sie auf, um sie morgen wieder abstürzen zu lassen.

Ist Ihr Blick auf unsere Zeit und Gesellschaft prinzipiell pessimistisch?

Wenn ich beobachte, wie viel Bösartigkeit, Lüge, Niedertracht von den Repräsentanten dieser Welt wie Gülle in die Welt ausgestreut wird, ohne dafür gesellschaftlich oder juristisch zur Rechenschaft gezogen zu werden - dann kann einem nur angst und bang werden. Wenn man aber sieht, wie viele Menschen plötzlich auf die Straße gehen, die man vorher belächelt hat, dann werde ich wieder zuversichtlicher. Und wenn ich weiß, dass alle Despoten mit ihren Parteien und Programmen untergegangen sind, bin ich optimistisch.

"Wolfsegg" ist eine Art Heimatroman, statt positiver Verklärung herrscht darin aber Dunkel-Heimattum. Wie haben Sie sich beim Schreiben davor bewahrt, in ein Klischee abzugleiten?

Weil ich den Begriff "Heimat" nicht verwende. Es ist eine österreichische und deutsche Eigenart, diesen Begriff zu besetzen und überzustrapazieren. Immer hat das gleich mit einer Gesinnung zu tun, mit irgendeiner Form von Einzäunung und Abgrenzung. Hat Henning Mankell einen schwedischen Heimatroman geschrieben, weil er in Nordschweden bei den Samen spielt? Oder Georges Simenon einen belgischen Heimatroman, weil er in Flandern angesiedelt ist? Ich habe mit "Wolfsegg" einen Roman geschrieben, der am Ende eines Tals spielt, das von Bergen und unendlichen Wäldern abgeschlossen wird. Ich schreibe über Natur, die den Menschen prägt.